Europäismus-1

Ulrich Speck

Wer formiert die Europäische Union?

 


In einer Geschichtskolumne hat sich jetzt Ulrich Speck
mit dem i
ntellektuellen Europadiskurs des „Europäismus“ auseinandergesetzt.

Als wichtiger Bestandteil des „Europäismus“ wird die
„Große Erzählung von der Selbstzivilisierung Europas“ herausgestellt.
Das bezieht sich aktuell auf die selbstgerechte Einschätzung
Europas als „Friedensmacht“ (Gerhard Schröder), also auf
Europa als vermeintliche Gegenmacht zum Bush-Amerika.
Das bezieht sich generell jedoch auf die Fehleinschätzung der Rolle
der europäischen Nationalstaaten beim europäischen Formierungsprozess ab 1945.

Speck verdeutlicht diese generelle Fehleinschätzung vor allem am Beispiel
der umfassenden Geschichte Nachkriegseuropas des britischen Historikers Judt.
(
Tony Judt: Postwar. A History of Europe Since 1945. London; Penguin, 2005)

Judt habe der „großen Erzählung von der weitgehend autonomen Selbstzivilisierung Europas“
nicht widersprochen, weil er die Rolle der US Außenpolitik
für die Europapolitik ab 1945 nicht herausgearbeitet habe. 

Ulrich Speck kritisiert dies:

“So ist Amerika als Akteur auf der europäischen Bühne zwar präsent, die
Tatsache aber, daß der Handlungsspielraum der westeuropäischen  Staaten
bis zum Ende des Kalten Krieges sehr wesentlich durch amerikanische Weltpolitik
bestimmt war, scheint nur gelegentlich auf“.

„Nachkriegsdeutschland wird als „de facto amerikanisches Protektorat“ bezeichnet,
doch über den Einfluß Washingtons auf die Bundesrepublik erfährt man
im Fortgang kaum etwas. Auch in bezug auf den Aufbau der europäischen
Strukturen wird Washington erwähnt, doch in welcher Weise
die USA als „Geburtshelfer Europas“ fungiert haben und während des kalten Krieges
erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der europäischen Integration nahmen,
gerät kaum in den Blick. Judts europäische Geschichte kommt weitgehend
ohne Amerika aus“  (
S. 246).

Speck stellt dieser - gerade auch hierzulande weit verbreiteten - Methode
des willfährigen Ausblendens zentraler Wirkungszusammenhänge
ein Zitat von Hans-Peter Schwarz (
Verfasser einer großen Adenauerbiographie)
gegenüber, das den Unterschied zwischen Wegsehen und Hinsehen deutlich werden lässt:

Die Geschichte Europas und der europäischen Integration seit 1945
lasse sich nämlich, so Schwarz in seinen „Anmerkungen zur deutschen Außenpolitik“,
ohne Amerika weder erklären noch verstehen:
„“Diese Friedenszone war vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis
Ende der neunziger Jahre in erster Linie das Werk
eines mächtigen Transatlantischen Impresarios“.
(
Hans-Peter Schwarz: Republik ohne Kompaß. München, Propyläen 2005).

 Ulrich Speck fahrt fort:

„Nimmt man wahr, was für eine Rolle die USA in der westeuropäischen,
ab den neunziger Jahren dann gesamteuropäischen Geschichte spielten,
hat das entscheidende Konsequenzen für den intellektuellen Europadiskurs
wie für den politischen Europäismus:
Die Große Erzählung von der Selbstzivilisierung Europas fällt in sich zusammen.
Die westeuropäische Zivilisierung wird erkennbar als bedingt durch eine
transatlantische Beziehungsgeschichte.
Die Beendigung der europäischen Konflikte ist weniger das Ergebnis eines
„Lernens“ aus der Katastrophengeschichte als vielmehr die Folge
amerikanischer Übermacht; die alte europäische Frage – Gleichgewicht oder Hegemonie? –
wurde gelöst durch das Hinzutreten eines übermächtigen Dritten“.

„Daß der massive amerikanische Einfluss auf die europäische Geschichte seit 1945
als Rahmenbedingung wie auch in direkter Form, häufig und gerne übersehen wird,
liegt nicht nur an einer beschränkten Perspektive. Es lag im Interesse der Amerikaner
wie der europäischen Regierungen, daß amerikanische Einflussnahme sich
hinter den Kulissen vollzog, um die Regierungen gegenüber ihren
nationalen Öffentlichkeiten nicht zu düpieren. Bekanntlich hatte Konrad Adenauer
alle Mühe damit, sich gegen Kurt Schumachers Wort
vom „Kanzler der Alliierten“ zu behaupten“.   (
S. 246/247)

„Daß die Geschichten westeuropäischer Staaten seit 1945 oft als
Geschichten nahezu souveräner Staaten geschrieben werden,
liegt auch daran, dass der amerikanische Einfluß vielfach unterhalb der Schwelle
öffentlicher Wahrnehmung lag, weil alles andere kontraproduktiv gewesen wäre.
Deshalb lässt nur eine sorgsame Beschäftigung mit den
entsprechenden Quellen den amerikanischen Einfluß erkennbar werden –
soweit er sich überhaupt in Quellen niederschlug“.
(
S. 247).

Speck bezieht sich in diesem Zusammenhang ausdrücklich auf
den „doppelten Einfluß Amerikas“, nämlich
„amerikanische Weltpolitik als Rahmen und Washingtons diskreter Einfluß auf Regierungen“.

Für beide Handlungsebenen gilt:

„In der großen Erzählung vom Aufstieg Europas zu zivilisatorischer Überlegenheit
wird jedoch der Einfluß Amerikas auf die europäische Geschichte seit 1945
ausgeblendet, ebenso wie die Praxis europäischer Politik und die
massiven Probleme europäischer Staaten, Antworten auf
die Herausforderungen durch die Globalisierung zu finden“.

„Insofern ist sehr fraglich, ob der Europäismus tatsächlich eine
tragfähige Perspektive für Europa bieten kann.
Eine Perspektive für Europa, die realitätstauglich ist, müsste basieren
auf einem ideologisch unverstellten Blick auf die europäische Geschichte,
auf einer Analyse der weltpolitischen Lage und
einer Bestimmung der eigenen Werte und Interessen –
und der Mittel, diese durchzusetzen.
Europa müsste aus sich heraus seinen Ort und seine Ziele definieren,
statt sich, nicht ohne Züge von Selbstgerechtigkeit, im Gegensatz zu Amerika zu definieren“.

 


Quelle:

Ulrich Speck: Vom Aufstieg und Niedergang des Europäismus
Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken; Heft, März 2006

 

Wertung von MacroAnalyst:

Es kommt auf den zweiten, generellen Gesichtpunkt an, der entscheidend ist
für die Einschätzung des Charakters der heutigen EU.

MacroAnalyst stellt seit längerem die Rolle der US Außenpolitik ab 1945,
die später von Global Governance übernommen wurde, in den Vordergrund.

Ulrich Speck hebt hervor, dass das Operieren hinter den Kulissen
im Interesse der Amerikaner lag. Kontraproduktiv wäre gewesen,
wenn die westeuropäische Geschichte nach 1945
nicht als „Geschichten nahezu souveräner Staaten“ dargestellt worden wäre.

Es geht um das alte Muster: ‚Macht verbirgt sich’ - jedenfalls raffinierte.

Hier haben wir die Parallele zu heute.
Würde die Europäische Union als das dargestellt, was sie ist,
nämlich European Governance, würde die weitere Einbettung in Global Governance
sehr erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht.

Insofern ist Specks Fazit richtig und umzusetzen:

Wir Europäer brauchen den ideologisch unverstellten Blick auf unsere Geschichte.
Die Analyse der weltpolitischen Lage ist auf die eigenen Werte und Interessen zu gründen.
Das ist die Voraussetzung dafür, unseren eigenen Weg zu finden.

 

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