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Die Folge des monetären Wachstums - ein neuer Inflationstyp:
Inflation der Vermögenspreise  -  Asset price inflation

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Abschnitt III  „Inflation begünstigt Finanzsektor“  hat gezeigt, dass sich im 20. Jahrhundert ein Inflationstrend entwickelt hat.  Die Inflationsraten sind über 100 Jahre hinweg trendmäßig angestiegen.

Um diesen Trend herum hat es Schwankungen gegeben. Zuletzt war 1979 eine Disinflation eingeleitet worden; 25 Jahre lang gingen die Preissteigerungsraten zurück.

 

1.   Überschuss-Liqidität   –   excess liquidity  –  monetary overhang

Immer öfter wird nun die Frage aufgeworfen, ob mit dem langen Rückgang der Inflationsraten die Talsohle erreicht ist?

Es gibt vor allem eine Entwicklung, die die Aufmerksamkeit der Analytiker fesselt: Das ist die Herausbildung einer neuen weltweiten Überschuss-Liquidität.

In diesem Zusammenhang wird häufig das Bild von der ungeheuren Geldsumme gebraucht, die täglich um den Globus rast und Anlage sucht.
Dies ist insofern unpräzise, als im Abschnitt III gezeigt worden war, dass Geld immer und überall auf Konten liegt, das heißt, bereits angelegt ist. Es war auch zu allen Zeiten so, dass Geld immer nach besserer Verzinsung gesucht hat. So also ist Überschuss-Liquidität nicht zu definieren.

Bei Überschuss-Liquidität handelt es sich vielmehr um eine Geldmenge, die im Vergleich zum Wachstum der realen Produktion zu stark angestiegen ist.  

Zwei Belege gilt es, für dieses Phänomen anzuführen:

Beleg 1:

Zunächst gibt es dazu eine außerordentlich verdienstvolle Arbeit der Europäischen Zentralbank (EZB), in der zum ersten Mal die Welt-Geldmenge berechnet worden ist     (EZB Monatsbericht Januar 2004).

 

Globale Geldmenge

 

Die Europäische Zentralbank hat erstmals ein globales Geldmengenaggregat vorgestellt.

Bei der globalen Geldmenge handelt es sich demzufolge um die einfache Summe der weit gefassten Geldmengenaggregate im Euro-Währungsgebiet, in den USA, im Vereinigten Königreich, in Japan und in Kanada.

Diese Aggregate wurden auf der Grundlage von kaufkraftparitätischen Wechselkursen in Euro umgerechnet.

 

Quelle:  EZB Monatsbericht Januar 2004, S. 13 - 15

 

 

Die EZB hat nun zunächst die Entwicklung der Weltgeldmenge und der Weltinflation miteinander verglichen.
Sie weist darauf hin, dass beide Kurven zwar in der Vergangenheit bisweilen nur begrenzt zusammenzuhängen scheinen, dass sich aber insgesamt „eine positive Korrelation zwischen der globalen Inflation und dem weltweiten Geldmengenwachstum zeigt“.

 

Grafik

Globales Geldmengenwachstum
und globale Inflation

 

Quellen: EZB, Eurostat, BIZ, OECD  -  EZB Monatsbericht Jan. 2004

Anmerkung:
Die globale Inflation stellt das gewichtete Mittel der Inflationsraten (gemessen anhand des BIP-Deflators) dar; berechnet unter Verwendung von BIP-Gewichten für Euro-Währungsgebiet, USA, UK, Japan, Kanada.

Gleitender Zweijahresdurchschnitt der jährlichen prozentualen Veränderungen; Quartalswerte

 

 

Die Grafik belegt, dass die Weltgeldmenge schon seit 1995/96 wieder ansteigt.
Da beide Kurven positiv verknüpft sind, ist dies ein erstes Indiz dafür, dass die Inflation wieder zunehmen könnte.

Ein zweites Indiz hat die EZB in einer weiteren Grafik offen gelegt. Es ergibt sich aus dem Vergleich des Wachstums der Geldmenge mit dem der globalen Produktion.
Auch für diese beiden Kurven erkennt die EZB eine "positive Korrelation".

 

Grafik

Globales Geldmengenwachstum
und globale Produktion

 

Quellen: EZB, Eurostat, BIZ, OECD  -  EZB Monatsbericht Jan. 2004

Anmerkung:
Das Wachstum des realen globalen BIP wird als gewichtetes Mittel der Wachstumsraten des realen BIP im Euro-Währungsgebiet, USA, UK, Japan und Kanada unter Verwendung von BIP-Gewichten berechnet.

Die reale globale Geldmenge errechnet sich aus der nominalen globalen Geldmenge, deflationiert mit dem BIP-Deflator des Euro-Währungsgebiets.

Gleitender Zweijahresdurchschnitt der jährlichen prozentualen Veränderungen; Quartalswerte

 

 


Die EZB betont also zwar die positive Korrelation zwischen der realen globalen Geldmenge und dem realen  globalen BIP-Wachstum, weist aber auf die größte Ausnahme im Zeitraum ab Mitte 2001 hin. Beiden Kurven klaffen von da ab auseinander wie eine weit geöffnete Schere.

Ab diesem Zeitpunkt nämlich habe die Geldmenge merklich zugenommen, während das BIP-Wachstum deutlich zurückgegangen sei. Die wirtschaftlich, finanziell und geopolitisch bedingten Turbulenzen an den Finanzmärkten hätten zu einer "stärkeren Präferenz der Wirtschaftsteilnehmer für liquide und sichere Anlageformen" geführt.

 

Beleg 2:

Dies ist aber nicht die eigentliche Ursache für diese Schere. Diese liegt vielmehr darin begründet, dass die Wirtschaftspolitik auf den Börsencrash der New Economy damit reagierte, dass sie die Fiskal- und vor allem die Geldpolitik reaktivierte.

Zwei Fronten fallen hier vor allem ins Auge:

Front 1:

Die US Zentralbank öffnete die Geldschleusen und senkte massiv die Leitzinsen von einem Niveau von 6,5 % auf 1 % ab.

 

Grafik

Federal Reserve Bank öffnet die Geldschleusen -
Zinssenkungen nach dem Crash der New Economy

 

Quelle: FAZ-Archiv
 

 

Noch 2003 fühlte sich die amerikanische Wirtschaft am Rande einer Deflation. Aus Furcht davor wurden sogar "unkonventionelle Methoden" ins Spiel gebracht. Die Diskussion ging nämlich so weit, dass gar Offenmarktkäufe von langlaufenden Staatsanleihen durch die Fed ins Spiel gebracht wurden. Dies wäre dem Anwerfen der Notenpresse gleichgekommen. Die Fed hätte dann Staatsschuldenpapiere aufgekauft. "Dies wäre dasselbe, als druckte die Fed Banknoten und verteilte sie direkt an die amerikanischen Steuerzahler", so der Chefvolkswirt von Barclays Capital. 


Front 2:

Auf dem gleichen expansiven Kurs wie die US-Zentralbank liegen Japan und China.

Die japanische Zentralbank (Bank of Japan, BoJ) hält seit Jahren die Leitzinsen (kurzfristigen Zinsen) nahe null Prozent. Diese „ultraexpansive“ Geldpolitik hat anti-deflatorischen Charakter.

Die Liquidisierung des japanischen Geldmarktes hat jedoch über Jahre auf dem Binnenmarkt kaum gegriffen, was sich erst jetzt zu ändern beginnt. Die deflatorischen Kräfte waren zu stark.

Die Liquidisierung hat gleichwohl eine expansive Spur in der Weltgeldmenge hinterlassen, nämlich über den Außenwirtschaftsverkehr.

Das japanische Finanzministerium - zuständig für die Wechselkurspolitik, während die rein technische Abwicklung über die BoJ läuft - kauft seit Jahren an den internationalen Devisenmärkten Dollar gegen Yen.  

In 2003 erfolgte eine Rekordinterventionen in Höhe von 20 Billionen Yen; das Dreifache des bisherigen Rekords von 1999. Dafür wurden hauptsächlich Dollar angekauft.

Deswegen stiegen in diesem Jahr die Devisenreserven um 200 Mrd. $ auf einen Jahresendbestand von  673,5 Mrd. Dollar. (Stand Okt./04 = 830 Mrd. Dollar).

Auch 2004 lässt das Finanzministerium weiter kräftig intervenieren.

Mit diesen Operationen wird der Yen-Kurs unterhalb seines Gleichgewichtskurses gehalten, der Dollar darüber.

China setzt zwar eine andere Technik ein, indem es den Yuan seit 1995 fest an den Dollar bindet (1 Dollar = 8,3 Yuan). Das Ziel ist jedoch das gleiche. Durch diese Unterbewertung der chinesischen Währung sollen die riesigen Exportüberschüsse im Handel mit den USA nicht gefährdet werden. Die Bank of China argumentiert ganz offen, dass eine Aufwertung des RMB das Exportwachstum gefährden würde (Wang Yuanlong vom Forschungsinstitut der Bank; Xinhuanet, 6. 8. 2003).

Die japanische wie die chinesische Politik stützen die Überbewertung des Dollars. Nur wegen deren Ankauf von Dollar kann das dramatisch wachsende Handelsdefizit der USA überhaupt finanziert werden (vgl. dazu die ausführliche Analyse im Themenblock 2 auf dieser Web-Seite).

M. a. W. die amerikanischen Bürger können nur deswegen ihren übermäßigen Konsum finanzieren, weil die daraus entstehenden Handelsbilanz- und Leistungsbilanzdefizite im wesentlichen von Japan und China gegenfinanziert werden.

Wiederum anders gesehen: Nur wegen der übermäßigen Aufblähung der Weltgeldmenge unterbleibt die Bereinigung des gefährlichsten strukturellen Ungleichgewichts in der Weltwirtschaft - der immer weiter wachsenden Kluft zwischen den Handelsbilanzdefiziten der USA einerseits und den Handelsbilanzüberschüssen Japans und Chinas andererseits. (inzwischen wird das US-Handelsbilanzdefizit für 2004 auf weit über 500, möglicherweise sogar über 600 Mrd. Dollar hochgerechnet; Schätzung August).

Dies ist der Mechanismus, über den die Geldflutung der US-Notenbank mit einer Geldflutung der asiatischen Notenbanken beantwortet wird.
Diese Liquiditäts-Schaukel überträgt sich auf die Weltgeldmenge.

Das schlägt auch auf den Euroraum durch. Hier hat zwar die Geldpolitik einen sehr viel restriktiveren Kurs eingeschlagen. Die Bundesbank kommt aber trotzdem zu der Feststellung, im Euroraum habe sich in den letzten beiden Jahren eine "überaus hohe Überschussliquidität aufgebaut" (Monatsbericht, Oktober 2003, S. 10). 
Die einzelnen Segmente der Weltgeldmenge können nicht mehr voneinander getrennt werden. Es kommt zum "over spill".

 


2.   Die Inflation der Vermögenspreise  -  asset price inflation

Die historische Analyse hat gezeigt, dass die Geldmenge langfristig gesehen eine wichtige Rolle für die Entstehung von Inflationen spielt.
Deswegen wirft die wachsende globale Überschuss-Liquidität natürlich die Frage auf, ob sich daraus ein neuer Inflationszyklus entwickeln könnte.

 „Die Notenbanken haben seit Mitte der 90er Jahre für den größten Geldmengenüberschuß in den letzten 20 Jahren gesorgt. Inflation ist die logische Folge“ (Thorsten Polleit, Barclays Capital).

Inflation ist nun keineswegs die einzig mögliche Folge. Um diese Zusammenhänge durchleuchten zu können, muss abgeschätzt werden, zu welchen Zwecken diese Überschussliquidität verwendet werden kann, m. a. W. in welche Kanäle sich die aufgestaute Flut ergießen könnte?

Hier sind zwei prinzipielle Möglichkeiten auszumachen.

 

(a)   Erste Möglichkeit:  Die Überschussliquidität wird vernichtet

Die erste Option wird von der Finanzwelt zwar an-, aber nicht ausdiskutiert - öffentlich jedenfalls. Weil der Aufbau der Überschussliquidität auf das Engste mit dem Aufbau der Dollar-Bubble verknüpft ist, ist die Erörterung der Problematik zu sensibel. 

Der normale Anleger jedoch muss dieses Risiko im Auge behalten.

MacroAnalyst stellt das Szenario deswegen vollständig vor:

Die schwerwiegendste Verwerfung im gegenwärtigen globalen System ist die existierende Dollar-Blase. Gemessen an der Entwicklung des realen Gefüges ist der Dollarkurs weit überhöht.  MacroAnalyst hatte bereits oben darauf hingewiesen, dass dies ganz wesentlich mit den Interessen und der Durchsetzungsmacht des amerikanischen Finanzsektors zusammenhängt (Policy of a Strong Dollar). Hinzu kommt, dass umgekehrt die beiden großen asiatischen Akteure ihre politischen Prioritäten zugunsten der Entwicklung ihrer realen Wirtschaft setzen (auf beiden Seiten des Pazifiks werden kurz- und langfristige Nutzenkalküle - wegen der unterschiedlichen Machtstellung der jeweiligen Finanzsektoren - völlig anders gewichtet).

Dieses Gefüge hängt am seidenen Faden. Der Fluss des Welthandels ist nur solange aufrechtzuerhalten, solange ausländische Investoren bereit sind, die Defizite in der US Handels- und Leistungsbilanz durch Dollarankäufe zu kompensieren.
Nur diese Schuldenfinanzierung hält den hohen amerikanischen Verbrauch aufrecht, nur diese Schuldenfinanzierung hilft der japanische Wirtschaft, aus der Deflationsfalle heraus zu kommen und gibt der chinesischen Wirtschaft wesentliche Expansionsimpulse.

Natürlich ist diese Finanzierung der US Defizite auch für Japan und China voller Risiken. Wenn der Zeitpunkt kommt, an dem die ausländischen Investoren zu dem Schluss kommen werden, die Kreditwürdigkeit der amerikanischen Volkswirtschaft ist erschöpft, werden sie ihre Defizitfinanzierung einstellen.

Dann platzt die Dollar-Blase. Es kommt zu einer drastischen Abwertung des Dollars an den internationalen Devisenmärkten.

Dann werden die asiatischen Volkswirtschaften ihren Preis für ihre jahrelangen Interventionen an den Währungsmärkten bezahlen, in dem sie schwere Abwertungsverluste auf ihren Rekorddevisenbestände hinnehmen müssen.

Dann können in den USA, wie in Asien Kettenreaktionen in Gang gesetzt werden, die sich zwischen Finanzsektoren und operativer Wirtschaft gegenseitig aufschaukeln.

Der amerikanische Konsum, wesentliche Komponente des  Weltwirtschaftmotors, bricht ein. Ihr Spiegelbild, die asiatischen und europäischen Exporte in die USA sinken drastisch. Die Investitionen in allen Wirtschaftsräumen folgen mit  akzelerierender Geschwindigkeit.

Die resultierende Weltwirtschaftskrise II führt zu Börsen- und Bankencrashs. Kredit- und Geldketten falten sich zusammen.

Geldvernichtung führt zur Beseitigung der Überschussliquidität.
Damit ist allerdings keineswegs gesagt, dass dies das Ende der säkularen Inflation oder gar das der asset price inflation wäre. Dies wäre nur ein Zwischenstop. An den langfristig fundamentalen Einflussfaktoren würde sich dadurch nichts ändern.
(Weiter unten kommen wir darauf zurück).

 

(b)   Zweite Möglichkeit: Die Überschussliquidität setzt sich in Bewegung

Nun muss man in Betracht ziehen, dass alle Länder, die Leistungsbilanzüberschüsse mit den USA erzielen,  ihre Dollarzuflüsse zu einem erheblichen Teil zu Käufen amerikanischer Vermögensbestände nutzen, darunter ein hoher Satz an US-Staatsanleihen. Per Saldo erfolgt also die Bezahlung der Exportüberschüsse dieser Länder mit Vermögensbeständen der USA.

Diese Art von Austauschverhältnis funktioniert bereits seit 1986 (= erstes Defizit in der US investment position) und – warum sollte es nicht noch eine weitere Zeit lang aufrecht erhalten werden? Der Dollarblase müsste durchaus noch nicht die Luft ausgehen.

Für diesen Fall jedoch stellt sich dann die Frage, für welche Verwendungszwecke die jetzt existierende Überschussliquidität aktiviert werden könnte.

Die Beantwortung dieser Frage hängt ganz entscheidend damit zusammen, auf welchen Konten die Überschussliquidität geparkt ist - ein Umstand, der in den vorliegenden Analysen aus der Finanzwelt zu kurz kommt oder überhaupt nicht erörtert wird.

 

(b1)   Inflationstyp „Preissteigerungen für Güter und Dienstleistungen“

In der Vergangenheit wurde das Phänomen der Inflation überwiegend aus den Spannungen zwischen der Finanz- und der operativen Wirtschaft abgeleitet.

Wenn die Quantitätstheorie des Geldes sich mit dem Zusammenhang zwischen Überschussliquidität und Inflation beschäftigt hat, dann waren damit traditionellerweise die Preise von Gütern und Dienstleistungen ganz allgemein gemeint.

Ob es nun Inflationsursachen im Angebotsbereich waren (Marktmacht der Unternehmen, Lohnkostendruck usw.) oder aber im Nachfragebereich (überhöhte Massennachfrage nach Gütern und  Dienstleistungen), stets führte eine übermäßige Steigerung der Geldmenge zu einer Überlastung der realen Produktionskapazität und somit zur Inflation. Der Nachfrageüberhang trieb die Preise von Konsum- und Investitionsgütern in die Höhe.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die heute existierende Überschussliquidität in diese Art von Inflation münden könnte, ist eher gering:

o   Für die USA hatten wir bereits herausgearbeitet, dass dort die Nachfrage der Konsumenten auf ein sehr elastisches Angebot stößt. Japan, China und Europa sind vorläufig bereit, jede Nachfrage, die über die nationalen Produktionskapazitäten hinausgeht, zu bedienen;

o   Für Japan selbst gilt, dass dort die Binnennachfrage eher unter Deflationsängsten leidet, von inflationärem Druck jedenfalls keine Rede sein kann;

o   Die europäischen Konsumenten sind ebenfalls reichlich reserviert. Die Nachfrage der Konsumenten ist vor allem in der Kernwirtschaft Deutschland sehr zurückhaltend.

Wesentliches gemeinsames Kriterium für die gegenwärtige restriktive Konsumneigung eines gewichtigen Teils der Weltbürger liegt darin begründet, dass die beschriebene Abschöpfung von Vermögensbeständen ihre Vermögensplanung empfindlich gestört hat. Die Reparatur zwingt zu einer höheren Sparneigung.

Soweit die Überschussliquidität überhaupt auf Konten der Massenhaushalte geparkt sind, sind diese kaum auf die Entfaltung zusätzlicher Massenkaufkraft ausgerichtet.

Der aus den Kreisläufen der operativen Welt stammende Inflationstyp, „Preissteigerungen für Güter und Dienstleistungen“, ist daher eine unwahrscheinliche Alternative.

 
 

(b2)   Inflationstyp "Preissteigerungen für Vermögensbestände"

Welches also ist die wahrscheinlichere Alternative?
 

Bisherige Diskussion übersieht das Wesentliche:

Wenn der allgemein benutzte Inflationsmaßstab sich in der Vergangenheit aus den Spannungen der realen Welt abgeleitet hat, so ist zu erwarten, dass sich dieser Typ parallel mit der überproportional expandierenden Finanzwelt ändern wird. 

Die aus dem Finanzsektor selbst vorgelegten Analysen dieses neuen Inflationsphänomens bleiben bisher unvollständig. 

Im Kern wird darauf verwiesen, dass die Angebotskurve für Finanzaktiva sehr viel steiler verlaufe als für Güter und Dienstleistungen. Die Märkte für hoch entwickelte Finanzprodukte lägen nun einmal in den Industrieländern und insofern könne eine Marktenge nicht – wie bei Konsumgütern möglich – durch Importe überwunden werden. 

Soweit sich also die vorhandene Überschussliquidität in Bewegung setze und sich auf die Nachfrage nach Vermögensbeständen (z.B. Aktien, Immobilien, Anleihen)  konzentriere, müssten die Preise für solche Finanzaktiva stark ansteigen.  Das Entstehen neuer “global asset price bubbles” sei daher durchaus denkbar.   

Diese Art von Preissteigerungen werden aber von der konventionellen Inflationsmessung gar nicht erfasst. Diese konzentriert sich auf die Dimension der Wirtschaftströme (z.B. auf Preissteigerungen von Gütern der Lebenshaltung).  

Diese Art von Preissteigerungen führen vielmehr zu dem neuen Typ der „Inflation der Vermögenspreise“. Dabei handelt es sich um Preissteigerungen im Bereich der Bestände.

Im Prinzip werden aber nur die denkbaren Alternativen für die Verwendung der Überschussliquidität geprüft. Die Gründe dafür, dass sich die Alternativen überhaupt geändert haben, bleiben reichlich unterbelichtet. Das zeigt sowohl die Studie der Bundesbank (Monatsbericht Okt. 2003) als auch die von Deutsche Bank Research (Inflation is dead! Long live inflation!; April 2004)

 

Gründe für eine Änderung der Bewegung der Überschussliquidität:

Es geht ja nicht nur um die Schwierigkeiten bei der Identifizierung der Gestalt der Angebotskurve für Vermögensbestände (DB-Research: „It is difficult to identify the supply curve for goods and assets however, and consequently it is difficult to prove that increased liquidity should impact more strongly on asset prices”).

Für die Wahrscheinlichkeit des Eintritts einer asset price inflation ist die entscheidende Frage, hat sich etwas Wesentliches im globalen Gefüge geändert? Sind fundamentale Strukturänderungen eingetreten, die den Typ der vorherrschenden Inflation verändern?

Und die Antwort darauf ist klar. Auf dieser Website ist ja gerade der tief greifende Strukturbruch vorgeführt worden, der die Grundlagen für die Beantwortung dieser Frage verändert hat.

Die entscheidenden Fragen können wir jetzt beantworten:
Wie ist die Überschussliquidität entstanden?
Von welchen Konten kommt sie?
Auf welchen Konten wird sie heute gehalten?

Wir haben gesehen:
Operatives und monetäres Wachstum haben zu einer überproportionalen Expansion des Finanzsektors geführt.
Das gewachsene Gewicht hat – im Zusammenhang mit der Konzentration innerhalb des Sektors – dazu geführt, dass nun ein mächtiger Akteur die Führung des Sektors übernommen hat – Investment Banking.

Investment Banking ist nicht nur in der Lage, eine quantitativ gewichtige Umverteilung von Vermögensbeständen der Weltbürger an die Finanzwelt und insbesondere an die Investment Banken selbst vorzunehmen.
Investment Banking verfügt auch über ausreichenden Einfluss, die Bereitstellung von Überschussliquidität durch die Zentralbanken insgesamt zu veranlassen.

Wenn somit im langfristigen Trend in Verbindung mit den geldpolitischen Aktivitäten der letzten vier Jahre ein überproportionaler Anteil der gewachsenen Weltgeldmenge und der gewachsenen Vermögensbestände auf den Konten der Investmentbanken und der Finanzwelt gelandet ist, dann ist dies der Ausgangpunkt für die Beantwortung unserer Frage:

Natürlich wird die Überschussliquidität anders verwendet werden als wenn sie auf den Konten der Bürger verblieben wäre.

Zwei Änderungen fallen ins Auge:

Erstens ist die strukturelle Konsumneigung der Bürger wesentlich höher als die der Finanzakteure.
Ihr Einkommen wird zu einem hohen Anteil für Konsum verausgabt; das gilt nicht nur für das Arbeitseinkommen, sondern auch für die Vermögenserträge.
Selbst ihr Vermögen weist eine größere Konsumnähe auf: Langfristig gesehen nämlich werden Teile des Vermögens verflüssigt, z.B. für Konsumzwecke im Alter, bzw. von den Erben danach.

Zweitens hat der Umfang der von der Finanzwelt gehaltenen Vermögensbestände eine Größenordnung erreicht, bei der eine Verbindung zu Fragen des Konsums immer schwieriger herzustellen ist.

Immer mehr Akteure in diesem Sektor verdienen Einkommen in einer Höhe, in der ihre Konsumquote nur noch in wenigen Prozentpunkten ausgedrückt werden kann.
Der Vermögensbesitz selbst spielt für den Konsum überhaupt keine Rolle mehr, selbst in den folgenden Generationen nicht.

Daraus folgt, dass sich die gesamte Überschussliquidität im Besitz der Finanzwelt sich allein auf Aktiva, also auf Vermögensbestände, richten wird. Es werden Geldanlagen, d.h. reale oder Finanzanlagen gekauft, um Zinsgewinne zu erzielen. Diese zusätzliche Nachfrage nach solchen Anlagen verursacht deren Preissteigerungen.

Die Umschichtungen in der Weltvermögensbilanz müssen gerade hier ihre Wirkung entfalten.

Generell gilt:
Je höher der Anteil der Weltüberschussliquidität, der im Besitz des Finanzsektors und insbesondere der Investment Banken ist, um so höher die Bewegung der überschüssigen Geldmenge in Richtung einer Vermögenspreisinflation.

Je geringer der Anteil der Weltüberschussliquidität, der im Besitz des Bürgertums ist, um so geringer die Bewegung der überschüssigen Geldmenge in Richtung einer allgemeinen Inflation von Gütern und Dienstleistungen.

Wenn wir diese Zusammenhänge am Beispiel der jetzt vorhandenen Überschussliquidität erörtert haben, war dies aber nur aktueller Anknüpfungspunkt.

Die Analyse hat nämlich gezeigt, dass es sich um einen säkularen Trend handelt. Da nicht zu sehen ist, dass sich dieser Trend ändern sollte, folgt daraus, dass eine generelle Tendenz - weg von der allgemeinen Inflation, hin zur asset price inflation - zu erwarten ist.


Das Beispiel der eingehebelten Super-Volatilität „New Economy“ hat bereits gezeigt und wird noch auf Jahre deutlicher werden lassen, wie die damit ausgelösten Umverteilungsvorgänge auf die reale Wirtschaft durchschlagen.  

Die den Massenhaushalten entstandenen Vermögensverluste haben die lebenszeitlichen Vermögensaufbaupläne der Bürger empfindlich gestört.
Wurden sie durch den hype der Analysten zur Illusion veranlasst, bloße Buchwerte für bereits realisierte zu halten und deswegen den ein oder anderen größeren Konsumvorgang vorzuziehen, so brachte der Kursabsturz Ernüchterung. Am Ende des booms waren sie mit einem fühlbar niedrigeren Nettovermögen konfrontiert.

Um Anschluss an ihren ursprünglich geplanten Vermögenswachstumspfad zu finden, werden die Bürger ihre Sparneigung erhöhen müssen. Gerade der Aufbau eines Zusatzvermögens für die Rentenphase übt hier unerbittlichen Zwang aus.

Die Statistik zeigt, dass damit bereits begonnen worden ist. Die Sparquote ist nach dem Crash von 2000 deutlich angehoben worden.

>>Grafik: Wachsende Sparneigung nach 2000

Damit wird der Binnennachfrage die Kaufkraft entzogen, die für ein auskömmliches  Wirtschaftswachstum erforderlich gewesen wäre.

Folgt man dieser Weichenstellung in die Zukunft, so ergibt die Verallgemeinerung der Vorgänge um die „New Economy“ eine Profilierung des Trends zum Eigenleben der Finanzwelt.

 

 Empirische Belege für eine Inflation der Vermögenspreise?

Wenn die Frage gestellt wird, ob sich ein neuer Inflationstyp entwickelt, kann es nur um langfristige Trends gehen.
Aus dem mittelfristigen Anstieg der Aktienkurse in den 90er Jahren heraus lässt sich ja kein Beleg gewinnen. Dabei handelte es sich um Ausschläge nach oben, denen scharfe Ausschläge nach unten folgten. Bei diesem Auf und Ab ist nur interessant, inwiefern es einen langfristigen Trend stützt.

Drei Vermögenskategorien stehen im Vordergrund der Analyse:
Die Preise für Aktien, Anleihen und Immobilien.

o   Im Bereich der Immobilien fehlen die Untersuchungen, die aus unserem Aspekt heraus gesehen, aussagekräftig wären. Allgemeine Preissteigerungen für Immobilien sind kein Beleg für die Aussagen auf dieser Website. Für die Finanzwelt im allgemeinen, die Investment Banken im besonderen, sind diese Finanzaktiva unter Anlagegesichtspunkten von sekundärem Interesse. 
Bei Immobilien ist der Konsum- und der Anlagegesichtspunkt vermischt.
Wenn Millionen von Bürgern die niedrige Zinsphase genutzt haben, um Wohneigentum zu erwerben, gehört der daraus resultierende Inflationseffekt eher in die Kategorie "Preise für Güter und Dienstleistungen". In der Tat wachsen die Sorgen, dass sich in diesem Marktsegment eine neue spekulative Preisblase entwickelt hat.
Wollte man aber den Konsumentenaspekt der Finanzwelt prüfen, müsste man die Preisentwicklung für das globale absolute Luxussegment im Unterschied zur Entwicklung von Immobilienpreisen an den mittleren Massenmärkten (Eigentumswohnungen, Eigenheime) kennen. Eine statistisch schwer lösbare Aufgabe.

o   Im Bereich der Aktien ist die originäre Kursentwicklung der Aktien selbst von geringem Interesse für die Messung einer asset price inflation.
Die Aktie stellt einen Eigentumstitel für ein Unternehmen dar. Wenn dessen Preis steigt, weil sich die Gewinnaussichten dieses Unternehmens verbessern, fällt dies nicht unter die Kategorie „Inflation“. Es handelt sich dann um eine erklärbare Preissteigerung für eine operative Wertsteigerung
.
Aus diesem Grund wird eine Vermögenspreisinflation bei Aktien anhand des Verhältnisses der Kurse zu den Gewinnen (KGV; price earnings ratio) gemessen. Das KGV beantwortet, welchen Preis ein Investor für einen zukünftigen Einkommensstrom zu zahlen bereit ist. Wenn der Einkommensstrom im Nenner als reales Einkommen ausgewiesen wird, ist das KGV ein präzises Maß für asset inflation.

Die nachfolgende Grafik belegt einen langfristigen Anstieg des KGV.

 

Grafik

Inflation der Vermögenspreise seit über 50 Jahren

 


Quelle: DB Research;    beide Trends =
MacroAnalyst
 

 

Tendentiell haben sich Aktien verteuert. Die Investoren mussten einen immer höheren Preis zahlen, um einen bestimmten Strom von Gewinnen sicherzustellen - asset price inflation.
Dies gilt für über 50 Jahre hinweg.
Dies gilt beschleunigt über die letzten 20 Jahre hinweg (Trend-20 in der Grafik weist eine starke Steigung auf).
 

o   Für die dritte Vermögenskategorie, Anleihen, gilt ähnliches. Auch hier zeigt Deutsche Bank Research eine Grafik mit stetigen Preissteigerungen seit Beginn der 80er Jahre. Dies verstärkt das Bild.

>>Grafik   "Price of interest returns has risen as well

 

 

3.   Kreuzformation der beiden Inflationstypen

An dieser Stelle gerät aber nun ein vielsagender Befund in den Blick:

Im Kapitel III war die allgemeine Inflation (Preise für Konsumgüter) gezeigt worden.
Grafik xxx zeigt noch einmal, dass es seit 1979, dem Antritt von Paul Volcker als Präsident der  Federal Reserve Bank, m.a.W. dem Durchbruch des Monetarismus in der Praxis, eine spürbare Disinflation gegeben hat.

 

Grafik 

Inflation bei Konsumgütern
in den letzten 20 Jahren stark zurückgegangen

 

Quelle:  DB Research;   disinflation = MacroAnalyst

Der Trend (grün) für diese Phase zeigt erfolgreich nach unten.

 

Setzen wir nun den Trend-20 (rot) aus der Grafik dagegen, so ergeben beide Trends eine Kreuzformation:

Grafik

Kreuzformation der beiden Inflationstypen

 

Quelle: MacroAnalyst

 

 

Diese Kreuz-Formation wirft ein krasses Bild auf die Ergebnisse des Monetarismus.
Leistet er zwar eine sichtbare Disinflation der Preise von Konsumgütern, so versagt er ganz offensichtlich in Bezug auf die Kontrolle der Inflation der Preise von Vermögensbeständen.

Schon aus wirtschaftlichen Gründen gilt der Monetarismus als gescheitert, wie wir in Kapitel III gesehen hatten. Aber selbst sein ureigenstes Anliegen, die Kontrolle der Inflation, ist ihm nicht gelungen.

 

FAZIT

Wir sind seit 100 Jahren mit einem Trend steigender Inflation konfrontiert.   Die Inflation der Konsumgüterpreise hat dabei immer die Diskussion beherrscht.

Ab 1979 schiebt sich jedoch ein anderer Typ von Inflation in den Vordergrund: Die Inflation der Preise für Vermögensbestände.

Seitdem nämlich ist  eine Kreuz-Formation der Inflation zu registrieren:
Rückführung der Inflation der Konsumgüterpreise bei parallelen deutlichen Anstieg der Vermögenspreise.

Die wesentliche Ursache dafür ist das Vordringen der Finanzwelt im allgemeinen und des Investment Banking im besonderen. Investment Banking hat seine ganze Macht zunächst in der "New Economy" und danach mit der Produktion von Überschuss-Liquidität demonstriert.

 

Weiter mit dem Ergebnis:   Investment Banking - eine neue Weltmacht