Wachstumsfaktor 3:
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Die Dynamik der Finanzakteure

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Neben den politischen Kräften, die den Finanzmärkten auf globaler Ebene enorme Spielräume frei geräumt haben, spielt offensichtlich das Geld eine entscheidende Rolle für die langfristige Veränderung der Wirtschaftstrukturen.

Zur Durchleuchtung des monetären Wachstums muss deshalb drittens die Frage nach den Impulsen beantwortet werden, die vom Finanzsektor selbst ausgehen. Was tun die Akteure auf diesen Märkten, um den geänderten Rahmen - Liberalisierung des Kapitalverkehrs plus schleichender Inflationstrend - zu nutzen?

Hier zeigt sich, dass die Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte tief greifende Auswirkungen auch auf die reale, aber vor allem auf die monetäre Wirtschaft gehabt hat.

Vom schleichenden Inflationstrend zu profitieren, muss dabei noch zum Bereich des traditionellen Bankgeschäfts gerechnet werden, ist dieser doch seit langem existent.

Es sind doch eher die Folgen der neoliberalen Revolution, die dem Finanzsektor zu einem grandiosen Aufschwung verholfen haben.

Für diesen Aufschwung sind zwei fundamentale Trends auszumachen:

Erstens gehen operativ gesehen die Veränderungen der Prozesse mit den Veränderungen der Produkte Hand in Hand. Beide Innovationen finanzieren das operative Wachstum des Sektors.

Zweitens aber, und das ist die ausschlaggebende Strukturänderung :
Die Liquidisierung der Weltwirtschaft im Verbund mit der Machtposition der Investmentbanken erreicht einen Grad, der eine zunehmende Loslösung des Finanzkapitals vom operativen, realen Kapital zur Folge hat. Der Finanzsektor beginnt ein Eigenleben.

 1.   Operative Entwicklung: Prozess- und Produktinnovationen

Der Finanzsektor nutzt, wie die operative Wirtschaft auch, den technologischen Fortschritt einerseits sowie den wirtschaftlichen Fundamentaltrend zu größeren Produktionseinheiten andererseits (Prozessinnovation).

Darüber hinaus hat er sich in den letzten Jahrzehnten als innovativ darin gezeigt, neue Finanzprodukte auf den Markt zu bringen (Produktinnovation).

Prozessinnovation:

Die Durchrationalisierung des Finanzsektors stützt sich auf die Form des technischen Fortschritts der letzten zwei Jahrzehnte. Gerade für diesen Sektor mit seinen Millionen von Transaktionen ist die neu aufkommende Informations- und Kommunikationstechnologie wie geschaffen. 

Kredit-, Scheck-, Geldkarten vereinfachen den Zahlungsverkehr und führen zum Vordringen des Giralgeldes. Damit tritt die umständliche Handhabung des Bargeldes in den Hintergrund.

Das Online-Banking verschiebt wesentliche Bankdienstleistungen an den Kunden, der die Arbeiten nunmehr selbst durchführt. (Amerikanische Quellen geben die Kosten für eine 'teller transaction' in einer Bank mit 1,07 Dollar an, während die Kosten dafür im Online-Banking 1 Cent betragen;  das ist ein Produktivitätsanstieg auf 10.700 %).

Der Rechner revolutioniert die Arbeit in den Büros.
Der dramatische Wegfall von Banken-
Personal ist die Kehrseite dieser Produktivitäts-revolution.

Die wachsende Konzentration des Finanzsektors ist eine Erscheinung, wie wir sie schon aus der Entwicklung der Industrie kennen.
Auf dem Markt für Fusionen und Mehrheitsübernahmen kaufen die besonders profitablen Finanzakteure weniger erfolgreiche auf. Eine Welle von Fusionen durch freundliche oder feindliche Übernahmen anderer Finanzinstitute begleiten das operative Geschäft.

Große institutionelle Anleger (Kapitalanlegegesellschaften, Investment-, Pensionsfonds) treten immer weiter nach vorne.

Diese Konzentrationsbewegung trägt - für sich genommen - nicht zur Vergrößerung des Sektors bei. Wenn jedoch auf diese Art und Weise Synergieeffekte entstehen, werden zusätzliche operative Profite generiert.

Vor allem tragen die größeren Einheiten zum Ausbau der politischen und gesellschaftlichen Machtposition des Finanzsektors bei.

Produktinnovation:

Die nach 1973 anschwellenden internationalen Kapitalströme wurden von einer wachsenden Verwendung innovativer Finanzinstrumente begleitet. Vielen dieser Produktinnovationen kann der operative Charakter nicht pauschal abgesprochen werden.

Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen waren so immens, dass es verwunderlich gewesen wäre, wenn sie ohne Auswirkungen auf den Finanzsektor geblieben wären. Die legendäre Großmutter mit dem Sparbuch - das trifft den Zeitgeist nicht mehr.

Auch Schwankungen wurden schon immer zu Geschäften genutzt: Konjunkturschwankungen zu Preisspekulationen, Schwankungen der Lebenshaltungskosten zu Veränderungen der Spar- und Liquiditätsneigung, das Auf und Ab der Börsenkurse zu Aktienspekulationen.

Folgerichtig also ist, wenn kurz nach der Einführung flexibler Wechselkurse 1973 der erste Währungsterminkontrakt in Chicago abgeschlossen wird. Dass daraus ein Strom von neuen Produkten entsteht, deckt auch den Bedarf der operativen Wirtschaft nach Absicherung von Waren- und Dienstleistungsgeschäften über die nationalen Grenzen hinaus.

Immer noch im operativen Rahmen bleibt auch, dass Schwankungen mit höherem Sättigungsniveau der Industrieländer zunehmen und dem Finanzsektor damit zusätzliche Erwerbschancen bieten.

Großzügig ausgelegt können auch noch die Kosten für Fonds als operativ angesehen werden. Immerhin aber fallen an: Ein einmaliger Ausgabeaufschlag, die jährliche Verwaltungsgebühr, weitere Kosten, die explizit nicht ausgewiesen werden. Zu dieser Total Expense Ratio (TER) addieren sich weitere Transaktionskosten, wie: Maklercourtagen, weitere Kosten für den Handel. Alles in allem bewegen wir uns damit in Größenordnungen, die auf rein finanzgesteuerte Sphären verweisen. 

Die letzten 30 Jahre haben dann auch eine Entwicklung eingeläutet, die eine neue Qualität von Strukturveränderung darstellt.
Das Finanzkapital emanzipiert sich in wachsendem Maße vom Realkapital, es beginnt ein Eigenleben.

2.    Monetäre Entwicklung:  Finanzsektor beginnt Eigenleben

Diese gleitende Loslösung des Finanzsektors von der realen Wirtschaftsbasis ist das Ergebnis von drei Handlungsmustern:

Erstes Handlungsmuster:   
Von der
operativen Schwankung zur eingehebelten Volatilität

Schwankungen sind so alt wie das Wirtschaften selbst. Früher jedoch gingen sie mehr von realen, operativen Bedingungen aus: Weil Ernten schlecht ausfielen, stiegen die Weizenpreise; weil Bauern sich regelmäßig an den aktuellen Preisniveaus orientierten, kam es zum Schweinezyklus; weil Unternehmer ihre Investitionen gleichgerichtet expandierten und Konsumenten ihre Nachfrage herdenartig reduzierten, kam es zu Konjunkturschwankungen.

Diese operativen Schwankungen existieren noch immer, haben jedoch an Bedeutung verloren.
Dies deswegen, weil Schwankungen mit weit größerer ökonomischer Hebelkraft an ihre Stelle getreten sind: Nämlich die von den Aktivitäten des Finanzsektors verursachten.

Diese eingehebelte Volatilität wird aber nicht nur vom Finanzsektor verursacht, sondern zugleich von ihm genutzt. Volatilität ist ein Lebenselixier dieses hochmobilen und flexiblen Wirtschaftssektors.

Beispiel 1:   Währungsschwankungen statt Finanzierung von Welthandel

Die Neuordnung der Währungsmärkte von 1973 mit ihrem Übergang zu flexiblen Wechselkursen führte zwangsläufig zu steigenden Währungsschwankungen.
Das operative Interesse des Welthandels an entsprechenden Absicherungsgeschäften führte - es ist bereits erwähnt worden - zum Abschluss des ersten Währungsterminkontraktes in Chicago.

Dies nun setzte nicht nur eine Flut neuer Produkte in gang. Die Währungsschwankungen ihrerseits wurden von Finanzakteuren gezielt verstärkt, um aus dieser Spekulation finanziellen Gewinn zu ziehen.

Fallbeispiel-1:
Der bekannteste Fall einer solchen Makro-Spekulation ist der Angriff von George Soros auf das britische Pfund.
1992 löste er durch enorme Verkäufe seines Quantum Funds eine solch hohe Abwertung des Pfundes Sterling aus, dass die Zentralbank von England gezwungen wurde, das Pfund aus dem Europäischen Wechselkursverbund (Vorläufer des EWS) zu nehmen.

Soros wurde bekannt als
 "The man who broke the Bank of England".
Der Quantum-Fonds verdiente 1,4 Mrd. $ in einer einzigen Nacht (Financial Times);

Fallbeispiel-2:
Ein zweiter legendärer Investor, Warren Buffet, nahm im 1. Halbjahr 2004 Investitionen in Währungskontrakte von 18 Mrd. Dollar vor. Da die Spekulation nicht aufging, musste er im 2. Quartal 2004 Verluste aus diesen Währungsanlagen von 445 Mio. Dollar verbuchen.

Generalisierung:
Die Bundesbank spricht von "eigenständigen" Geld- und Kapitalbewegungen
(Geld und Geldpolitik, 2003/2004), worunter nicht-operative Bewegungen zu verstehen sind.
"Solche Wechselkursausschläge scheinen oft ohne Bezug zu den wirtschaftlichen Gegebenheiten in den beteiligten Ländern zu stehen. Sie lassen das System des Floating als instabil und fragwürdig erscheinen. Starke Ausschläge der Wechselkurse können den Welthandel behindern. Über längere Zeit anhaltenden Fehlentwicklungen führen zu kostspieligen volkswirtschaftlichen Anpassungsprozessen" (S. 95/96).

Beispiel 2:   Kurzfristige exzessive Auslandinvestitionen

Die Wirkung hoher Volatilität breiter Kapitalströme führte die Asienkrise 1997/98 vor. Eine "extrem kurzfristig" (Bundesbank) angelegte Auslandsverschuldung floss in den Immobilienmarkt einerseits (mit der Wirkung einer Preisblase) und in bestimmte Sektoren der Volkswirtschaften andererseits (mit der Wirkung von Überinvestitionen). Die bestinformierten Finanzakteure zogen sich frühzeitig und mit hohen Gewinnen wieder aus diesen Engagements zurück. Die weniger qualifizierten Anleger zogen nach.
"Dies führte zu einem massiven Druck auf die heimische Währung und letztlich zum Ausbruch der Währungskrise"
(Bundesbank, Monatsbericht Juli 2001).

Diese monetär verursachte Krise schlug auf die reale Entwicklung durch.
In Indonesien und Thailand beispielsweise verdoppelte sich die Armutsquote nahezu.
Die Instabilitäten drohten auf Südamerika überzuspringen.

Als auch die Aktienmärkte weltweit ins Trudeln gerieten, war der IWF gezwungen, mit "riesigen Krediten"  einzuspringen, "um gravierende Folgen für das internationale Finanzsystem zu lindern" (Bundesbank).

Beispiel 3:   Gewinne auch im Abschwung

Während die operative Wirtschaft nur mit positivem Wachstum Profite macht, hat sich Advanced Financial Capital von diesem Muster gelöst. Mit neuen Produkten kann sowohl der Auf- als der Abschwung genutzt werden.

Hedge-Fonds sind Investmentfonds, die auf eine Reihe von Anlageformen setzen. Eine wichtige Rolle spielen dabei Derivate, deren Preis sich aus den Kursschwankungen anderer Anlageobjekte herleitet. Sie sind so konstruiert, dass sie enorme Hebelwirkungen entfalten.

Diese Hebel können bei Aktien oder Schuldverschreibungen ansetzen. Sie können sich aber gleich auch auf ganze Indices beziehen, wie etwa den Dow Jones oder den DAX.

Während die ursprüngliche Aufgabe operativer Natur war -  Absicherung von Unternehmen gegen starke Preisschwankungen -, handelt es sich jetzt um reine Finanzinstrumente, die allein auf Spekulation gerichtet sind.

Mit der Strategie des Leerverkaufs von Wertpapieren, verstärkt über den Multiplikator hoher Fremdfinanzierung, können dabei sowohl in steigenden als auch fallenden Märkten Gewinne erzielt werden.

Dies ist ein wesentlicher Unterschied zur realen, operativen Wirtschaftswelt. In dieser war das eigentliche Geschäft nur mit positiven Wachstumsraten zu machen. Es ging darum, den Absatz von Werkzeugmaschinen z. B. um 20 % zu steigern, um höhere Gewinne zu machen.

Jetzt werden Wetten abgeschlossen auf Kurs- und Preisschwankungen anderer Produkte. Gehen sie auf, macht der Hedge-Fonds große Profite - und umgekehrt.

Diese Hedge-Fonds sind auf allen Kapitalmärkten tätig und bewegen sie stärker als jede andere Gruppe von Marktteilnehmern. Finanzakteure verursachen und nutzen Schwankungen zugleich. Je höher die Schwankungen, um so höher der Gewinn.  Den operativ tätigen Unternehmen erschweren diese Wechselbädern die Arbeit erheblich.

Für ihre Tätigkeit erheben diese Fonds Gebühren von ihren Kunden, die sich „außerhalb jedes vertretbaren Maßes bewegen“; dies „ist ein weiterer Exzess an den Finanzmärkten, der wegen der von den Gebühren ausgehenden ‚Kannibalisierung’ eher früher als später platzen wird“ (Dresdner Kleinwort Wasserstein).

Mit  den Hedge-Fonds-Umsätzen erzielen Investmentbanken wiederum hohe Provisionen. Wall Street erzielt Schätzungen zufolge über 7 % seiner Einnahmen aus Kommissionen, die von Hedge-Fonds gezahlt werden. Weltweit gibt es mehr als 7.000 solcher Fonds. Diese Einnahmen zählen bei Wall Street zum operativen Einkommen; die Quelle jedoch, aus der sie stammen, sind Wetten.

Beispiel 4:      Unternehmensfinanzierung am Kapitalmarkt verstärkt Volatilität weiter

Das jüngste Beispiel zur Erzeugung von Volatilität durch den Finanzsektor ist die derzeit laufende Umstellung im Bereich der Unternehmensfinanzierung in Deutschland. In der Vergangenheit haben die meisten Unternehmen, vor allem der Mittelstand, ihre Fremdfinanzierung über Hausbanken abgewickelt. Die Banken wenden sich zunehmend von dieser Art der  Finanzierung ab, weil sie das Risiko der damit verbundenen Forderungsausfälle nicht mehr zu tragen gewillt sind. Die Unternehmen werden auf den Kapitalmarkt verwiesen, wo sie Anleihen für ihren Bedarf nach Fremdkapital aufnehmen müssen.

In einer neuen Studie "Zur Regulierung der europäischen Wertpapiermärkte" hat die Bundesbank jetzt die Folgen für die Gesamtwirtschaft herausgestellt, die dieser Verweis der Unternehmen an den Kapitalmarkt haben wird. Die Hausbanken hätten in Rezessionen ihre Kreditvergabe relativ wenig eingeschränkt. "Damit trugen sie zur gesamtwirtschaftlichen Stabilisierung bei". Die Finanzierung über den Kapitalmarkt werde hingegen in künftigen Konjunkturabschwüngen deutlich erschwert. "Eine Akzentuierung von Finanzzyklen ist dann eine fast zwangsläufige Konsequenz".

Dass die Fremdkapitalbeschaffung über den Kapitalmarkt höhere Kosten für die Unternehmen nach sich ziehen wird, liegt daneben auf der Hand.

Fazit:
Alle vier Beispiele zeigen, wie der Finanzsektor Volatilität erzeugt, um damit Geld zu verdienen. Die operative Wirtschaftswelt muss unproduktive Kraft aufwenden, diese Schwankungen zu überleben.

Zweites Handlungsmuster:  
Von der langfristigen Investition zur kurzfristigen Nutzziehung

Die Loslösung des Finanzsektors von der realen Wirtschaftsbasis zeigt sich weiter an der Reichweite ihrer Zeitperspektive.

Der Finanzsektor arbeitet auf der Basis von kurzfristigen Zeithorizonten. Langfristige Zeitperspektiven, wie sie für jede komplexere Einheit der operativen Wirtschaft typisch und unerlässlich sind, sind für ihn nicht profitabel.

Die lange dauernden Prozesse in Forschung und Entwicklung, bei Investitionen in Sachkapital, gar die äußerst langen Reifezeiten bei der Formierung von Humankapital können Finanzakteure nicht im Blick behalten.

Die Betonung des kurzfristigen Finanzgewinnes gegenüber der langfristigen Investitionsrendite führen zur Zerstörung der realwirtschaftlichen Basis der Volkswirtschaften.  

Das Hauptbeispiel für diese Art von ökonomischem Handlungsmuster in der Vergangenheit war die Tätigkeit der Unternehmenskäufer. Investoren haben unzählige operative  Unternehmen aufgekauft, um sie in Einzelbestandteile zu zerlegen, die ohne Zeitverzögerung weiterverkauft wurden.  Operative Gesichtspunkte spielten dabei keine Rolle, es ging um rein finanzwirtschaftliche Vorgänge. 

Viele große Konzerne sind davon betroffen gewesen. In jüngster Zeit sollten in Deutschland die Unternehmen IWKA und TUI Opfer dieser Strategien werden.

Bei IWKA in Karlsruhe, Kerngeschäft ist die Herstellung von Robotern, betrieb der amerikanische Investor Wyser-Pratte die Zerschlagung dieses Maschinenbaukonzerns. Der ehemalige Marine-Offizier glaubte, dem Vorstandsvorsitzenden die optimale Zusammensetzung des Konzerns vorgeben zu müssen. Dass für die Bestimmung dieses Optimums ganz andere als operative Gesichtspunkte im Vordergrund stehen, ist offensichtlich. Die Linie des Vortandsvorsitzenden wurde aus dem Aufsichtsrat heraus gestützt, von ebenfalls operativ tätigen Mitgliedern (von Mercedes  und BMW). Wyser-Pratte trägt den Beinamen "Der Rambo der Kapitalmärkte".

Bei TUI, Europas größtem Touristikkonzern, schlugen die Wellen hoch, nachdem die Investmentbank Morgan Stanley ihren Anteil verdoppelte. Vorstandsvorsitzender Frenzel wehrte sich gegen die Zerschlagung des Konzerns. "Ich werde sicher nicht tatenlos zusehen, wie Aufkäufer bei der TUI einsteigen und das Unternehmen dann zerschlagen" (Der Spiegel, 2. 8. 2004). Seit Frühjahr habe die Aktie bereits ein Drittel ihres Wertes eingebüßt. Mit dem operativen Geschäft habe das nichts zu tun. Vielmehr würden "Hedge-Fonds in Scharen auf einen weiteren Verfall unseres Kurses wetten", seit bekannt geworden war, dass TUI eventuell aus dem DAX fallen könnte. Wir haben es hier mit einer der vier Hauptstrategien von Hedge-Fonds zu tun, mit "Event driven". Event driven Manager nämlich picken sich Unternehmen heraus, die vor einer außergewöhnlichen Situation stehen.

"Sollte die Spekulation gegen unsere Aktie aufgehen ... bekäme ein potentieller Aufkäufer das gesamte Touristikgeschäft zusätzlich zur Containerschifffahrt quasi zum Nulltarif dazu" (Frenzel).

 

Quelle: Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 13. August 2004

 

Spektakulär zeigt das Finanzkapital seine nicht-operative Einstellung mit der sinkenden Präsenz des Kapitals auf den Hauptversammlungen. Von 1998 bis  2004 sank die Präsenz des Aktienkapitals auf den Hauptversammlungen von  61 % auf 46,4 %  (Durchschnitt DAX-Unternehmen). Ursache war:
Versicherungen und Großbanken - die hatten in den Jahrzehnten nach dem Krieg noch an den HVs teilgenommen - haben aber in den letzten Jahren ihre Industriebeteiligungen abgestoßen.

Einerseits landeten diese bei Kleinaktionären, bei denen nicht weiter erstaunlich ist, dass sie das Stimmrecht nicht wahrnehmen (hohe Reisekosten).

Andererseits landeten sie bei Großinvestoren im Ausland, die aber ebenfalls kein Interesse an den Mühen der operativen Diskussion zeigen.
Als Grund wurde unter anderem "fehlender Sachverstand bei Eigentümervertretern" ausgemacht. Im Falle von Daimler Chrysler nämlich wurde die Aufsichtsratstruktur folgendermaßen publiziert: 
(FAZ vom 30. April 2004)
"Neben den aus ihren früheren Führungspositionen bekannten deutschen Managern Hilmar Kopper (Deutsche Bank), Manfred Schneider (Bayer). Bernhard Walter (Dresdner Bank) und Mark Wössner (Bertelsmann) sitzen im Aufsichtsrat auch einige Mitglieder, die bisher wenig mit den Problemen globaler Konzerne befaßt waren:
Earl G. Graves, 69, Herausgeber eines N. Y. Magazins für afroamerikanische Manager;
Victor Halberstadt, 64, Prof. für Finanzwirtschaft an der niederländischen Universität Leiden;
Robert Lanigan, 75, war Chef eines Glascontainerproduzenten in Illinois;
Peter A. Magowan, 66. Präsident der Baseball-Profi-Mannschaft San Francisco Giants;
William Owens, 64, hat seine Verdienste als Admiral der amerikanischen Marine erworben;
Lynton R. Wilson, 64, war stellvertretender Industrie- und Tourismusminister in Kanada".

Fazit:
Für die Finanzwelt sind die Zeithorizonte der operativen Welt zu lang. Ihr Interesse richtet sich auf die Verwertung kurzfristiger Finanzchancen.

Drittes Handlungsmuster:
Von der Einkommensverteilung  zur Umverteilung  von Vermögensbeständen

Den entscheidenden Schritt zur Loslösung von der realen Wirtschaft macht die Finanzwirtschaft jedoch auf einem anderen Gebiet: Der Verteilung. Hier werden die Volumina geholt, die den Schritt an die Weltspitze erst ermöglichen.

Die reale Wirtschaft musste sich ihre Profite noch durch operatives Wachstum einerseits und direkte Auseinandersetzung mit den Arbeitnehmern andererseits holen.

Auch in der Finanzwirtschaft gibt es, wir hatten es gesehen, operatives Wachstum. Auch hier gibt es, wenn auch in bescheideneren Dimensionen, Auseinandersetzung mit Gewerkschaften. 

In beiden Bereichen bezieht sich diese Verteilungsdimension auf die Auseinandersetzung über die Verteilung der Einkommen. Genauer gesagt, auf die Verteilung von Einkommensströmen, die in jedem Jahr neu generiert, verteilt und verwendet werden.

Der Finanzsektor hat jedoch zusätzlich eine ganz andere Verteilungsdimension im Visier: Die eigentliche Quelle seines monetären Wachstums ist nunmehr die Umverteilung von Vermögen. Genauer gesagt, die Umverteilung von Vermögensbeständen.

Die Vermögensbestände erwachsen aus den Einkommensströmen. Vermögen wird aus Einkommen gebildet. Der Teil des Einkommens, der pro Jahr gespart und netto investiert wird, führt zur Bildung von neuem Vermögen. Dieser jährliche Vermögenszuwachs wird zum bisherigen Vermögensbestand hinzugefügt.

Der Vermögensbestand ist somit die Summe aller in der Vergangenheit neu gebildeten Vermögen.
Die Summe des Vermögens aller Bürger und Institutionen ist das Volksvermögen.
Die Summe aller Volksvermögen ist das Weltvermögen.

Diese Volksvermögen und dieses Weltvermögen sind in den letzten 150 Jahren massiv angestiegen. Das Wachstum der Inlandsprodukte und die daraus finanzierten Investitionen umfassten immer weiter wachsende Größenordnungen. Die Summe aller daraus angehäuften Vermögensbestände der Welt ist (statistisch) unübersehbar.

Der Finanzsektor beteiligt sich nun nicht nur an der Verteilung der jährlichen Einkommen und profitiert auch von ihrer Aufstockung durch eine schleichende Inflation.

Er verteilt vielmehr die Vermögensbestände direkt um - von den Weltbürgern, Weltunternehmen und Weltinstitutionen hin in seine Bilanzen.

Dies sind keine Vermögenszuwächse im Rhythmus von operativem Wachstum, wo sich Wirtschaft und Arbeitnehmer das jährlich Hinzuwachsende teilen. Beide profitieren, der eine etwas mehr, der andere etwas weniger.

Dies ist die direkte Verteilungsvorgänge von Beständen im Null-Summenspiel: Spekulation - das sind Wetten. Was der eine an der Börse gewinnt, verliert der andere. Die Unterschiede zwischen Vorher und Nachher sind ein Vielfaches.

Diese Wetten werden in jede Richtung hin eingegangen.

Erstens innerhalb von Advanced Financial Capital selbst: Die besseren Finanzprofis gewinnen auf Kosten der weniger guten. Was Warren Buffet bei der Währungsspekulation einbüßt, gewinnen seine Geschäftspartner hinzu. Nach etlichen Jahrzehnten kann Sandy Weill von der Citygroup die Deutsche Bank "aus der Frühstückskasse" erwerben.

Wetten zwischen den Profis führen zu keiner Expansion des Finanzsektors insgesamt. Sie  führen vielmehr zur Konzentration innerhalb des Finanzsektors. Es entstehen immer größere Player.

Zweitens zwischen Advanced Financial Capital und dem Rest der Welt (Non-AFC): Finanzprofis gegen Amateure. Auch dabei kann in der Regel nur der Bessere auf Kosten des weniger Guten gewinnen. Wer in einem konkreten Geschäft gewinnt, kann durchaus einmal offen sein. Regelmäßig und über die Zeit hinweg steht der Gewinner fest: Es sind die Profis; Amateure haben in diesem hochkomplexen Spiel keine Chance.

Dies ist zuletzt am Börsenboom der 90er Jahre, und hier insbesondere am Beispiel "New Economy" demonstriert worden. Aufstieg und Fall der Börsenkurse weltweit - in der deutschen Börsengeschichte ist der Neue Markt ein einmaliges Kapitel - gewähren einen tiefen Einblick in die Dynamik und Vorgehensweise der Finanzakteure.

Bei der Analyse dieser Börsenrallye stößt man auf das Phänomen der Investmentbank. Sie steht im Zentrum des Geschehens.

Die Investmentbank ist das Gegenstück zur traditionellen Geschäftsbank.

Das Wesen der Geschäftsbank ist, nahe am operativen Geschäft zu operieren. Sie nimmt Einlagen von großen, aber auch kleinen Kunden entgegen. Sie vergibt Kredite an Hausbauer, Privatkunden, Unternehmen jeglicher Größe. Sie ist die Bank, die noch nahe an der realen Welt operiert.

Die Investmentbank hingegen gehört in die Führungsgruppe von Advanced Financial Capital. Sie hat sich weit von den Alltagsgeschäften der real-produzierenden Welt entfernt und ihre Position in der Führung des Finanzsektors übernommen.

Ihre Geschäfte zusammengefasst sind:
1.   Globales Vermögensmanagement für Institutionelle Investoren und Corporate Clients; dazu gehören vor allem Emissionen von Aktien (Derivaten) und Anleihen, das Management von Fusionen und Übernahmen (Mergers & Acquisitions); die Beratung von Unternehmen (z.B. bei Umstrukturierungen).
Zu den Institutionellen Investoren gehören die ganz großen Finanzgesellschaften, wie z.B. Pensionsfonds, Versicherungen, Investmentfonds, Wertpapierhäuser.
Die Coporate Clients sind vor allem Großunternehmen in allen Branchen, dazu gehören auch große Banken. Beispiel 2004: Die Bank of America übernimmt Fleet Boston; Morgan Stanley berät Fleet Boston für 25 Mio. Dollar Beratungshonorar, Goldman berät Bank of America für 17 Mio.
2.   Handel mit Wertpapieren, auf eigene und fremde Rechnung.
3.   Management der großen Finanzgeschäfte der öffentlichen Hand, wie Durchführung von Privatisierungen, Begebung von Anleihen, Teilprivatisierungen im Bereich der Sozialversicherung.
4.   Vermögensverwaltung für vermögende Personen und ihre Familien. Auch dieser Zweig gehört noch zu den profitablen Geschäften. Merrill Lynch und UBS erzielen pro Jahr aus dieser Kundengruppe rund 28 Mrd. Dollar als Gebühren für Vermögensberatung (Full-Service-Broker).

Die Einkünfte der Investmentbanken aus diesen vier Geschäftsarten konzentrieren sich auf Kursgewinne und Provisionen.

Investmentbanken sind US-dominiert. Die großen Namen sind: Citigroup, Morgan Stanley, Goldman Sachs, JP Morgan Chase, Merrill Lynch, Lehman Brothers, Credit Suisse First Boston.

Eine Tätigkeit ist in dem oben angeführten 4-Punkte-Katalog jedoch nicht enthalten, und wird auch üblicherweise in den mehr formalen Tätigkeitsbeschreibungen von Investmentbanken nicht herausgestellt:

5.   Investmentbanken machen das Börsenklima. 

Dies ist eine ganz entscheidende Operation, ein Hebel, der außerordentliche Möglichkeiten eröffnet.

Investmentbanken unterhalten Stabsabteilungen zu diesem Zweck, die die globalen Wirtschafts- und Finanzmärkte analysieren. Die Ergebnisse ihrer Arbeit lassen die Analysten von allen einschlägigen Medien weltweit publizieren.

Täglich werden Bürger, Unternehmen, Beamte, Politiker und auch die Finanzleute des operativen Finanzsektors mit einer Flut von Expertisen eingedeckt, die Prognosen über die Entwicklung der Märkte stellen und Kaufempfehlungen (Verkaufempfehlungen sind tendentiell die Ausnahme) daraus ableiten.

In der Geschichte der Börsen ist der Aktienboom der 90er Jahre ist ein einzigartiges Beispiel für die Wirksamkeit dieses Instruments. Bedingt durch die Vernetzung der Medien in der ganzen Welt ist eine Gleichförmigkeit der Meinungsbildung formiert worden, die vorher undenkbar schien. Die Botschaft der Investmentbanken lautete: Von jetzt ab nur noch bergauf!

In den USA wurde ein Fachausdruck für dieses Herdentreiben geprägt: Die ‚hype machine’.

Es waren die Analysten, denen es in nur rund fünf Jahren gelang, die Aktien-Bubble zu erzeugen.

Vier Namen stehen für die Zunft:
Jack Grubman, Henry Blodget, Frank Quattrone und Mary Meeker.

Jack Grubman, beschäftigt bei der Citigroup-Tochter Salomon Smith Barney, war der Analyst für Telekommunikationswerte mit dem größten Einfluss weltweit. Zehn Telekommunikationskonzerne gehörten schließlich zu den 25 größten Unternehmenskonkursen in den USA  - Grubman hatte sie allesamt vorher zum Kauf empfohlen. Darunter war auch Worldcom, der größte US-Bankrott. Den Kursverfall dieser Aktie begleitete Grubman mit Kaufempfehlungen bis zum Juni 2002, kurz bevor umfangreiche Falschbuchungen an Licht der Öffentlichkeit kamen.

Henry Bloget, beschäftigt bei Merrill Lynch, wurde wegen fragwürdiger Empfehlungen von der Wertpapieraufsicht gar aus der Branche verbannt.

Frank Quattrone, beschäftigt bei Credit Suisse First Boston, war nicht nur Architekt von Silicon Valley's Financial Culture, über die Finanzkultur trug er dazu bei, die New Economy selbst zu formieren (Business Week). Er geriet schließlich in die Schlagzeilen mit mehr als 300 Konten für die "Friends of Frank"; potentielle Kunden von CSFB, die vorab von Quattrone Aktienpakete bei IPOs ausgehändigt bekamen.

Mary Meeker, beschäftigt bei Morgan Stanley, war zusammen mit Blodget einflussreichste Internetanalystin (die Finanzzeitung Barron’s rief sie zur „Queen of the Net“ aus). Auch sie hielt ihre Kaufempfehlungen mitten in der Phase absackender Kurse aufrecht. Sie entging lediglich deswegen der Bestrafung, weil die Wertpapieraufsicht ihr keine wissentliche Täuschung nachweisen konnte.

Wie nun funktioniert im Kern die Umverteilung der Vermögensbestände in einem solchen Börsenzyklus?

Vier Phasen sind zu unterscheiden:

Phase I -
Aufkaufphase: Die Investment Banken steigen ein 

Zu Beginn des Börsenbooms kauft AFC Erfolg versprechende Aktien in großem Volumen auf.  Die Auswahl wird auch durch den Umstand erleichtert, dass die Investmentbanken über mehrer Kanäle Insiderwissen aktivieren können. Direkt verwertbar sind die erstklassigen Informationen, die bei der Beratung, bei Fusionen, Übernahmen und Neustrukturierungen großer Konzerne anfallen.
Interessant sind aber auch die Analysten-Meetings, die von großen wie mittleren Unternehmen regelmäßig veranstaltet werden. So werden selbst in Deutschland, wo die Weitergabe und Nutzung von Insiderwissen verboten ist, regelmäßig von Aktiengesellschaften Analysten-Treffen veranstaltet, in denen erste Einschätzungen über das abgelaufene Geschäftsjahr präsentiert werden. Diese Meetings finden durchaus noch selbst vor der Bilanzsitzung des Aufsichtsrats im Frühjahr statt. Das Börsenlexikon weiß aber über Insidergeschäfte:
„Wer etwa ... über erste Umsatz- und Gewinnergebnisse ... informiert ist, kann durch vorzeitige Käufe oder Verkäufe von Papieren solcher Unternehmen erhebliche Gewinne erzielen oder Verluste vermeiden“.

>>Mehr über Insiderregeln in Deutschland

Weit vor allen anderen Anlegern, ist Advanced Financial Capital bereits im Besitz gut fundierter Zukunftseinschätzungen. Dieses Insiderwissen wird für das Aktien-Picken im breiten Umfang genutzt.
 

Modell  'New Economy' 1:  

Nutzung der Börse in 4 Phasen
 

 

 

Quelle: MacroAnalyst

 

 

Phase II –
Der Rest der Finanzwelt folgt nach

In Phase II wird der massenhafte Kauf von Aktien durch die übrige Finanzwelt eingeleitet. Die Investmentbanken geben ihre eigenen Expertisen an die breite Öffentlichkeit weiter. Mary Meeker veröffentlichte Mitte der 90er Jahre ihren 300 Seiten langen „Internet-Report“, der fortan zu einer Bibel für Internetanleger werden sollte.
Zunächst stoßen diese Expertisen auf das Interesse des Finanzsektors im zweiten Ring um AFC herum sowie auf die Finanzexperten in großen Unternehmen.
In der Folge wird dieser Trend durch immer neue Fakten breit unterlegt und in zunehmendem Maße ganz allgemein als Verkaufsfolie für den Aktienhandel benutzt.

Der Trend wird aufgenommen und beginnt, sich zu verselbständigen. 

Erste Amateure, z.B. solche, die regelmäßig in Aktien investieren, steigen ebenfalls ein.

Phase III -
Die Bürgerhausse:

Nachdem die Investmentbanken, der Finanzsektor im zweiten Ring, Unternehmen und einige Amateur-Aktionäre im Markt sind, fehlt nun ein großes Anlagevolumen, das den späteren Ausstieg der Investmentbanken vorbereiten muss.

Die ‚hype machine’ wird gestartet. Ziel:  Bürger, die Anlage für ihre Ersparnisse suchen, in Massen an die Börse zu holen.

Die Analysten liefern die Informationen. Sie dominieren die Berichterstattung. Volkswirte, die auf operative Vorgänge spezialisiert sind, treten in die zweite Reihe. Der Chefvolkswirt der Dresdner Bank schreibt in den USA Artikel, es komme auf die Sparquote nicht mehr so sehr an, weil die Bürger nun ihren Wohlstand an der Börse mehrten.

Die Medien greifen diese Informationen auf. Zunächst stehen die Fachmedien im Vordergrund, schon bald aber unterstützen die Massenmedien die Bewegung. Es werden fast ausschließlich positive Wirtschafts- und Finanznachrichten publiziert. Risiken werden systematisch unterdrückt. Eine breite Welle läuft an. Die Botschaft, es geht nur noch bergauf, wird ergänzt um die Aufforderung, am Börsenaufschwung schnell zu partizipieren. 

Die Politik unterliegt fast zwangsläufig dieser Bewegung. Beamte in den Fachministerien (und ihren Außenstellen) unterliegen dem Druck, der von den „Fachleuten“ der Investmentbanken seinen Ausgang nimmt, und mehrfach vermittelt auf allen Ebenen ankommt.
Politiker werden im Sinne der herrschenden Meinung beraten – und können sich dem Zeitgeist nicht entziehen.
Auch Alan Greenspan, die Federal Reserve Bank,  webt mit am großen Bild. Warnte er zwar schon 1996 vor einer „irrational exuberance“, so verkündet er gleichwohl 1997 die Produktivitätsrevolution der amerikanischen Wirtschaft: Auch diese Übertreibung wird weltweit in die fernsten Winkel der Märkte verbreitet.

Die Bürger unterliegen diesem Generalbild chancenlos. Erste Investoren aus diesem Segment können Spekulationserfolge berichten, bisweilen sogar sehr beeindruckende. Erste Amateure kündigen ihren Arbeitsplatz, um sich als Day Trader zu betätigen. Selbst diese Beispiele  werden positiv kommuniziert. Dass es sich systematisch dabei für die große Masse nur um Erfolge auf dem Papier handeln kann, wird ohnehin von niemandem vermittelt.
Zu allerletzt endet diese Phase in einer „Dienstmädchenhausse“. Dieser Begriff wird für die Tatsache benutzt, dass schließlich auch Marktteilnehmer ohne jegliche Fachkenntnis dazu gebracht werden, die Chancen eines scheinbar unaufhaltsam und allgemein um sich greifenden Reichtums zu nutzen. 

Im letzten Abschnitt dieser Hausse-Phase beginnen die Investmentbanken, aus dem Markt auszusteigen.  

Phase IV -
Die Nachkaufphase:  Die Bürger verlieren

Vom Ausstieg der Investmentbanken geht Druck auf die Kurse aus.

Analysten haben von Phase II bis III fast ausschließlich Kaufempfehlungen herausgegeben. Verkaufempfehlungen sind die ganz große Ausnahme. Nun geht es darum, den von den Investmentabteilungen ihrer Häuser ausgehenden Kursdruck so lange wie eben möglich zu kompensieren, damit die Investmentbanken ihre Wertpapierbestände zu Höchstkursen veräußern können.

Der Hype wendet sich dem Nachkaufen zu.
Jedes Absacken der Kurse begleiten nun die Analysten mit der Empfehlung: Nicht nur Halten und Aussitzen, sondern sogar Nachkaufen!
Zur Empfehlung "Halten" erscheinen reihenweise Artikel, die die Nervenstärke der Normalanleger rühmen. Aussitzen ist angesagt, jeder Bärenmarkt geht irgendwann einmal zu Ende.
Die Empfehlung "Nachkaufen" wird den Anlegern mit dem Argument schmackhaft gemacht, dadurch könne man den durchschnittlichen Einstandspreis seines Portfolios herunter drücken.

Vorherrschende ökonomische Analyse dieser Phase: Die "V-Konjunktur": Als das Absacken der Konjunktur einfach nicht mehr zu leugnen ist, wird die V-Form kreiert: Die Konjunkturentwicklung wird den bevorstehenden Tiefpunkt kurz antippen und dann genauso schnell wieder nach oben ziehen, wie es vorher bergab ging - eine behende Erfindung der Finanzwelt.

Unsere 4-Phasen-Analyse soll aber nicht der Personifizierung des Problems dienen: die analysten sind schuld. Deren Rolle ist nicht isoliert zu verstehen. Sie ist immer in den Zusammenhang des Investment-Banking-Systems zu stellen.

Erstens werden sie aktiv von den Medien begleitet. Es gelingt, eine solch irreale Stimmung zu erzeugen, dass die Bürger scharenweise zum Aktienkauf getrieben werden. "It was the mainstream media - which now take such delight in scolding those involved in the dot-com mania - that helped push the idea that anyone could get rich by playing the market" (Howard Kurtz, Washington Post, 12.3.2001).

Zweitens kann zwar niemand den Analysten die Verantwortung für ihr Tun abnehmen. Gleichwohl sind sie Handlungsbeauftragte ihres Arbeitgebers, den Investmentbanken.
Diese sind es, um deren Umsätze und Wachstum es schließlich geht. Diese sind es, die ihnen Aufträge erteilen.
Analysten haben bei den Untersuchungen der Aufsichtsbehörden immer wieder darauf hingewiesen, dass sie keine negativen Bewertungen über Unternehmen abgeben konnten, die Kunden ihres Arbeitgebers waren. Der Analyst einer Bank, der für den Kunden "Razorfish" zuständig war, fasste seine Berufethik in einer e-mail an einen Institutionellen Anleger so zusammen: "Nun, Bewertungen und Kursziele sind sowieso ziemlich bedeutungslos, ... ja, der kleine Mann, der sich nicht mit den Nuancen auskennt, könnte möglicherweise getäuscht werden, das ist die Natur meines Geschäfts"
(FAZ, 30. April 2003).

Worauf es statt dessen wirklich ankommt, zeigt das Ergebnis von Phase I bis Phase IV:
Über den gesamten Börsenzyklus hinweg gesehen kommt eine direkte Umverteilung von Vermögensbeständen zustande. Summiert man die Verluste bekannter Einzelfälle auf und überschlägt sie weltweit hoch, muss es eine gigantische Summe gewesen sein, die aus dem Sektor der Vermögen anlegenden Bürger an die Investmentbanken geflossen ist.

Zweierlei finanzielle Interessen konnten die Investmentbanken durchsetzen:

Erstens geht das Gesamtgeschäft, das mit der Überdrehung der New Economy generiert wird, weit über die Spekulation mit Aktien hinaus.
Infolge der erzeugten irrealen Stimmung an den Märkten gelang es, reihenweise High-Tech-Unternehmen an die Börse zu bringen, deren Börsengang von den Investmentbanken gemanagt wurde.  So gelang es dem 'ultracompetitiven' Quattrone, von 1998 bis 2000 138 high-tech IPOs für Credit Suisse First Boston hereinzuholen, dem Market Researcher Dealogic zufolge fast zweimal soviel wie Goldman Sachs und Morgan Stanley zusammen (
Business Week, 13. Oct. 2003).
Dies ist ein lukratives (operatives) Marktsegment, das erhebliche Provisionen abwirft.

Zweitens geht es den Investmentbanken vor allem um die Umverteilung des Aktienvermögens, die sie über die erzielten Kursgewinne von Phase I bis Phase IV realisieren. Dies stärkt ihre Position enorm.
 

Ein Blick auf Konto 4, das das wachsende Weltvermögenskonto zeigte, (vgl. Teil   "Inflation begünstigt Finanzsektor"), verdeutlicht diese Zusammenhänge noch einmal graphisch.

In Konto 5 gibt es jetzt eine Differenzierung auf der Passivseite: Es werden die Gruppen von Anteilseignern ausgewiesen, denen das Nettovermögen gehört.

Konto 5: 
Investmentbanken profitieren am stärksten

Das gesamte Nettovermögen verteilt sich auf 6 Gruppen von Anteilseignern:

Zwischen diesen Gruppen laufen unterschiedliche Netto-Umverteilungsvorgänge. Der herausragende ist der von den Bürgern der Welt an die Investment Banken.

 

Modell-2 "New Economy":

Investment Banking verteilt Vermögensbestände um

 



 
Quelle:   MacroAnalyst
 

 

Fazit:
Die Investment Banken haben die Strukturveränderungen der letzten 30 Jahre genutzt, eine Position aufzubauen, die es gestattet, weltweit Vermögensbestände in großem Maße direkt umzuverteilen. Sie gewinnen an der Börse, was die Masse der Bürger verliert.

Zusammenfassung des Kapitels: Die Dynamik der Finanzakteure

In diesem Kapital hatten wir die Frage nach den Impulsen gestellt, die vom Finanzsektor selbst ausgehen, um den geänderten Rahmen - Liberalisierung des Kapitalverkehrs plus schleichender Inflationstrend - zu nutzen?

Es hat sich gezeigt, dass der Finanzsektor in den letzten drei Jahrzehnten einen grandiosen Aufschwung genommen hat.

Operativ gesehen hat er Prozesse und Produkte revolutioniert.

Monetär gesehen hat die Liquidisierung der Weltwirtschaft im Verbund mit der Machtposition der Investmentbanken einen Grad erreicht, der eine zunehmende Loslösung des Finanzkapitals vom operativen, realen Kapital gestattet.

Drei Handlungsmuster zeichnen das Vorgehen der Investmentbanken aus:

Erstens erzeugen sie Volatilität, um damit Geld zu verdienen.
Zweitens sind der Finanzwelt die Zeithorizonte der operativen Welt zu lang. Ihr Interesse richtet sich auf die Verwertung kurzfristiger Finanzchancen.
Drittens haben die Investmentbanken den Schwenk von der Einkommens- zur Vermögensverteilung vollzogen. Sie verteilen nun weltweit Vermögensbestände direkt um. Sie gewinnen an der Börse, was die Masse der Bürger verliert.

Insgesamt verzeichnen wir ein überproportionales monetäres Wachstum des ganzen Finanzsektors. Innerhalb dieses Sektors vollziehen speziell die US-Investmentbanken einen unerhörten Ausbau ihrer Position. Sie übernehmen die Führung der Finanzwelt.

Die Finanzwelt beginnt ein Eigenleben.

Das Geld büßt immer mehr seinen operativen Charakter ein. Die Finanzierung der Produktion und des Handels von Gütern und Dienstleistungen steht nicht mehr im Vordergrund. Das Geld wächst in eine genuin monetäre Rolle hinein.

"Erheblich an Gewicht haben insbesondere die internationalen Kapitalströme gewonnen... Lediglich drei Prozent davon dienen der Abwicklung des Warenverkehrs. Die übrigen 97 % sind reine Finanztransfers" (Bundesverband Deutscher Investmentbanken, 1998).

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