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Wachstumsfaktor 1:
Die Neuordnung der Finanzmärkte   

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Nach welchem Muster ordnet die Politik den Finanzsektor? Das ist eine Frage nach der Ordnungspolitik.

Dabei geht es wiederum um zwei Entwicklungslinien:

Erstens steht hier ganz im Zentrum des Interesses die Bewegung auf globaler Ebene.

Zweitens geht es für uns Europäer jedoch um die spezifisch europäische Entwicklung, die eine bedeutsame und partiell gegenläufige Sonderbewegung innerhalb des globalen Gesamttrends vollzogen hat.

1.   Die globale Ebene: Überbau und starker Finanzsektor

Auf der globalen Ebene vor allem werden die Leitplanken für die strategische Entfaltung der Finanzmärkte gesetzt. Es geht um die internationale Liberalisierung des Kapitalverkehrs. Diese bedarf einer globalen Superstruktur.

Auf nationaler Ebene erfolgt parallel dazu die Umsetzung der neu gesetzten Bedingungen. Es geht um Deregulierung.

Das Entwicklungsmuster des ordnungspolitischen Rahmens für die Finanzmärkte läßt sich in zwei große Phasen einteilen:

Phase 1914 - 1973:   Herausbildung eines starken globalen Überbaus

Phase 1973 - heute:  Herausbildung eines starken Finanzsektors

Beide Entwicklungen stehen unter US-Führung.

Phase 1914 - 1973:   Die Herausbildung eines starken globalen Überbaus

Die katastrophalen ökonomischen Verwerfungen zwischen dem I. und dem II. Weltkrieg ziehen ein enges Korsett für den Finanzsektor nach sich.

I. Weltkrieg 1914 – 1918 führt zur Hyperinflation:

Die Lasten der Kriegsfinanzierung zuzüglich der schweren Reparationen führten direkt in die Hyperinflation von 1923. Waren am 1. Juli 1914 noch 4,20 Mark für den Dollar zu zahlen, so waren es im November 1923 4,2 Billionen M pro Dollar.


Die Reichsmark 1923
 

 

Mit der Währungsreform (Einführung der Rentenmark) werden die primären Kriegskosten tief bis ins Bürgertum (Geldvermögensbesitzer) hinein weitergereicht.

Weltwirtschaftskrise 1929 - 1932 führt zu Banken- und Börsencrash:

Die Hyperinflation hinterlässt in Deutschland ein Bankensystem, das einen Eigenkapitalmangel aufweist und deshalb stark auf  Kredite aus dem Ausland angewiesen ist.

Der schwarze Freitag an Wallstreet 1929 hat eine beispiellose Geldvernichtung zur Folge. Insbesondere amerikanische Banken, aber auch französische, sind gezwungen, ab November 1930 Kredite aus Österreich und Deutschland abzuziehen. Dies bewirkt den Zusammenbruch der größten österreichischen Bank, was unmittelbar in Deutschland im Sommer 1931 einen Massenansturm besorgter Bankkunden auslöst.

Der Staat verordnet daraufhin die Schließung von Kreditinstituten und der Börse. Schließlich werden sie der Kontrolle der Regierung unterstellt.

Die ohnehin geschwächten Volkswirtschaften in Europa bezahlen den Abzug von Kapital mit Massenarbeitslosigkeit. Im Februar 1932 erreicht die Krise auf dem deutschen Arbeitsmarkt ihren Höhepunkt:  6,1 Mio. Arbeitslose.

In den USA entsteht durch die Weltwirtschaftskrise eine Arbeitslosenheer von 15 Mio.

Auf die Instabilität des Systems reagiert F. D. Roosevelt mit dem New Deal.
Makroökonomischer Schwerpunkt ist eine Steigerung der Staatsausgaben zur Stimulierung der Beschäftigung. .
(Nach Bismarck’schem Vorbild werden aber auch Arbeitslosenversicherung und umlagefinanzierte Rentenversicherung eingeführt).

Damit wird ein lang anhaltender globaler Trend hin zur Stärkung des Staates als wirtschaftpolitischem Akteur ausgelöst.
Dies ist Ausgangspunkt einer über Jahrzehnte hin reichenden ökonomischen und politischen Zurückdrängung des Finanzsektors.

Die wirtschaftswissenschaftlichen Lehren aus dem Debakel:
Da die Nationalökonomie eine politische Wissenschaft ist, sucht die Politik nach dem zu diesem Trend passenden Wirtschaftswissenschaftler. Ein neuer Stern geht auf: John Maynard Keynes.

Die Krisen bringen 1944 ein neues Weltwährungssystem hervor:

Zusätzlich zu den beschäftigungspolitischen werden währungspolitische Lehren gezogen.

Kurz vor Beendigung des II. Weltkriegs findet eine internationale Währungskonferenz in Bretton Woods (USA) statt. Dort wird ein neues internationales Währungssystem zugeschnitten, dessen Grundzüge von John Maynard Keynes beeinflusst sind. Politisch nutzen die USA den Höhepunkt ihrer Macht, das System von Anfang an zu dominieren.

Zwei Säulen machen das System aus:
bulletEin Gold-Dollar-Standard wird für den Austausch der Währungen gesetzt.
bulletDer Internationale Währungsfonds (IWF) wird gegründet.

Der Gold-Dollar-Standard setzt drei Regeln:

o   Die USA sind verpflichtet, Dollar von ausländischen Zentralbanken zu 35 Dollar je Unze anzukaufen;
o   alle anderen Währungen erhalten einen festen Wechselkurs zum Dollar;
o   alle Staaten verpflichten sich, diesen festgesetzten Kurs zu verteidigen. Sie müssen z.B. Dollar ankaufen, wenn der Dollarkurs sich dem unteren Interventionspunkt nähert.

Dem Internationale Währungsfonds wird die Aufgabe zugewiesen, dieses System zu managen, d. h. insbesondere die Länder im Falle von Zahlungsbilanzungleichgewichten zu unterstützen.
Der Kapitalverkehr wird zunächst stark eingeschränkt.
Die USA halten die Fäden der IWF-Politik in der Hand.

(Abgerundet werden diese beiden Säulen durch die ebenfalls erfolgte Gründung der Weltbank, die Darlehen überwiegend an die Entwicklungsländer vergibt).

Die Bundesbank hat zwei Folgen dieses Währungssystems ausgemacht:

Erstens: Die anderen Länder "stützten den Dollar, während die USA zur Stützung der eigenen Währung nichts zu tun brauchten. Sie waren gewissermaßen mit der Goldeinlösungsgarantie 'aus dem Obligo' ".
Zweitens: "Der Dollar entwickelte sich zur beherrschenden Währung in der Welt". (Bundesbank, Geld und Geldpolitik, 2003/2004)

Mit anderen Worten: Das System belässt den USA die Autonomie hinsichtlich ihrer Währungs- und Geldpolitik, während die anderen Länder ihre Währungen an den Dollar anpassen müssen. Nur bei dauerhaften Ungleichgewichten ist eine Neufestsetzung der Kurse (Realignment) zugelassen. 

Das neue Weltwährungssystem arbeitet bis in die frühen sechziger Jahre reibungslos.
Dann divergieren Wirtschafts- und Stabilitätspolitik der Mitgliedsländer immer mehr. Unglaubwürdige Wechselkursparitäten führen zu massiven Spekulationswellen.

Als die USA auch noch den Vietnam-Krieg über die Notenpresse zu finanzieren beginnen, bricht der Kern von Bretton Woods zusammen. "Die Bundesrepublik Deutschland wurde damals in besonderem Maße zum Opfer der Fehlentwicklungen des Systems: Sie war immer wieder das Ziel massiver Kapitalzuflüsse, die zu einer Inflationierung des inneren Geldkreislaufs führten" (Bundesbank).

Die Zentralbanken der Welt werden faktisch gezwungen, soviel Dollar anzukaufen, dass die USA sie in Gold nicht mehr hätten einlösen können.

1971 heben die USA infolge dessen die Verpflichtung zur Goldeinlösung einseitig auf.
1973 wird dann auch das Herzstück, nämlich die festen Wechselkurse, aufgegeben.

Zwischenfazit:

Die Finanzierung des Vietnam-Krieges ist nur der letzte Funke, der das Bretton-Woods-Fass zur Explosion bringt.

Am Ende des II. Weltkrieges fand sich eine starke Kräftekoalition, die die seit dem I. Weltkrieg erlittenen Krisen künftig auszuschalten gedachte. Jene ungezügelten Geld- und Kapitalbewegungen, die diese Krisen noch verschärft hatten, sollte ein enges Korsett angelegt werden.

Die funktionale Basis von Bretton Woods war, dass man zu dieser Zeit wieder davon ausgehen zu können glaubte, der globale Fluss von Geld und Kapital habe ausschließlich dem operativen Wachstum und der Finanzierung des internationalen Handels zu dienen.

Dies funktionierte zunächst auch insgesamt gut, weil die hohen Wachstumsraten der Nachkriegsjahre zu einer befriedigenden Gewinnentwicklung führten. Das Korsett von 1944 hat sich dann - beginnend in den 1960er Jahren - als immer störender für den Bewegungsspielraum des global orientierten Finanzkapitals erwiesen.

Nach dem Scheitern des Korsetts von Bretton Woods gewinnt dann der Finanzsektor enorme Handlungsspielräume zurück. Die Entwicklungen der folgenden Jahrzehnte sollen dies immer klarer werden lassen

Phase 1973 - heute:   Die Herausbildung eines dominierenden Finanzsektors

1973 bringt also die Befreiung von der Notwendigkeit, das System der festen Wechselkurse stabilisieren zu müssen.

Das wissenschaftliche Konzept, das zum nun wieder nach vorne drängenden Kurs des Finanzsektors passt, ist der Monetarismus Milton Friedmans, Professor an der University of Chicago von 1946 bis 1976.

Margaret Thatcher, ab 1979 Premierministerin von Großbritannien, und Ronald Reagan, ab 1981 Präsident der USA, setzen diesen Kurs um. (Friedman war Mitglied Economic Policy Advisory Board des Präsidenten).

Generell geht es um die Stärkung der Freiheit der Märkte. Dies hat den Rückzug des Staates zur Voraussetzung. Der Staatsanteil muss verringert werden, Staatsaktivitäten sind weitgehend zu privatisieren, staatliche Vorschriften sind zu deregulieren.

Eine strikte Geldmengenpolitik soll die Inflation verringern und keynesianisch verursachte Konjunkturschwankungen beseitigen.

Zu diesem Konzept gehört auch die Liberalisierung des Außenverkehrs (Handel und Finanzen).

Unter dem gleichzeitig zunehmenden enormen Druck der Marktkräfte und des Wettbewerbs bauen nun zuerst die Industrieländer die Beschränkungen des Kapitalverkehrs ab. Es sind vor allem drei Entwicklungen, die der Liberalisierung des Kapitalverkehrs Schub geben:

Dazu zählt die nun einsetzende nationale Deregulierung in vielen Ländern, die ihrer internationalen Entsprechung bedarf und von denselben Akteuren betrieben wird.
Dazu zählt die die wachsende globale Güterverflechtung, die in die gleiche Richtung wirkt.
Dazu zählen dann auch die enormen Fortschritte in der Datenverarbeitung und den Kommunikationstechnologien, die in den 90er Jahren hinzukommen.

Der internationale Kapitalverkehr vervielfältigt sich „explosionsartig“. Von Mitte der 70er bis Ende der 90 Jahre nämlich steigen in den Industrieländern:
o   die Kapitalimporte für Direktinvestitionen auf das Dreißigfache;
o   die Zuströme für Portfolioinvestitionen wuchsen sogar fast auf das Fünfzigfache
(Bundesbank, Monatsbericht Juli 2001).

In den 90erJahren zeigen dann auch die Kapitalzuflüsse in die Entwicklungsländer stark ansteigende Tendenz (große Finanzkrisen folgen auf dem Fuße).

Zwischenfazit:

Ab 1973 gelingt dem Finanzsektor, den liberalisierten Rahmen für beeindruckende Positionsgewinne zu nutzen. Die zwischen 1914 und 1944 gemachten Erfahrungen verblassen zusehends.

2.   Die Sonderbewegung Europas: Partiell gegenläufig zum Trend

Europa nimmt bei dieser Entwicklung nach dem II. Weltkrieg eine Sonderstellung ein.

Einerseits nämlich sind die europäischen Nationalstaaten integrierter Teil der beschriebenen globalen Entwicklung. Alles in allem nehmen sie eine aktiv unterstützende Rolle ein:
So hinsichtlich der Herausbildung der Superstrukturen (IWF, Weltbank, Bank für internationalen Zahlungsausgleich);
so hinsichtlich Liberalisierung des Kapitalverkehrs. In dieser Hinsicht können die USA ihre Führungsrolle voll ausspielen.

 


Die Liberalisierung des Kapitalverkehrs in Europa

 

                                                                   
1957 enthalten die Römischen Verträge in Bezug auf die Liberalisierung des Kapitalverkehrs noch keinerlei förmliche Verpflichtungen.  

1986 wird mit einem Programm der Kommission die Liberalisierung des Kapitalverkehrs innerhalb der Gemeinschaft in Angriff genommen.
Die vollständige Liberalisierung aller Kapitaltransaktionen, die für die Verknüpfung der nationalen Finanzmärkte unmittelbar erforderlich sind, wird beschlossen.
Noch existiert jedoch eine große Anzahl nicht liberalisierter Transaktionen.

1988 wird dann der freie Kapitalverkehr mit dem freien Waren- und Dienstleistungsverkehr auf eine Stufe gestellt.
Einführung des Grundprinzips der vollständigen Liberalisierung des Kapitalverkehrs sowohl zwischen den Mitgliedstaaten als auch gegenüber Drittländern mit Wirkung vom 1. Juli 1990.

1989 schlussfolgert der Europäische Rat, dass die Liberalisierung des Kapitalverkehrs der Umsetzung der ersten Stufe der Wirtschafts- und Währungsunion entspricht.

1993 tritt der Vertrag über die Europäische Union in kraft. Darin ist der Grundsatz der vollständigen Liberalisierung des Kapitalverkehrs nun selbst verankert.

1994 werden mit Beginn der zweiten Stufe der Wirtschafts- und Währungsunion weitere Schritte durchgeführt; darunter der Grundsatz der vollständigen Kapital- und Zahlungsverkehrsfreiheit sowohl zwischen den Mitgliedstaaten als auch zwischen den Mitgliedstaaten und dritten Ländern ein.

Derzeit sind der Kapital- und der Zahlungsverkehr in allen Mitgliedstaaten vollständig liberalisiert

 

Quelle:  MacroAnalyst
 

 

Andererseits jedoch kommt es nach dem zweiten Weltkrieg zu einer Sonderbewegung in Europa, die der amerikanischen Globalführung zuwider läuft.

Während das System der festen Wechselkurse von Bretton Woods abgeschafft wird, gelingt es Europa, dieses System partiell wieder einzuführen.

Mit der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) nämlich wird eine neue Währung, der EURO, eingeführt. Die Wechselkurse zwischen den Teilnehmerstaaten werden am 1. Januar 1999 fest miteinander verbunden.
Technisch gesehen handelt es sich dabei um feste Wechselkurse zwischen diesen Ländern.
Tatsächlich geht diese Währungsinnovation jedoch noch deutlich über das System von Bretton Woods hinaus. Diese Wechselkurse nämlich sind unumkehrbar, d. h. weder Realignment und schon gar keine spätere Abschaffung sind zulässig. Im gesamten Eurosystem gilt fortan eine Währung.


Einführung eines neuen Währungssystems in Europa

Die drei Stufen zur WIRTSCHAFTS- UND WÄHRUNGSUNION (WWU):

 

                                                                                                                             

1990 - erste Stufe:
Liberalisierung des Kapitalverkehrs zwischen den Mitgliedstaaten der EU. Die Mitgliedstaaten müssen ihre Wirtschaftspolitik koordinieren (Konvergenzprogramme).

1994 – zweite Stufe:
Schaffung eines Europäischen Währungsinstitutes (EWI), das eine einheitliche Währung und eine Geldpolitik vorbereiten soll. 1995 beschließt der Europäische Rat in Madrid den Namen der neuen Währung - EURO
1998 wird die Europäische Zentralbank (EZB) mit Sitz in Frankfurt am Main gegründet.

1999 – dritte Stufe:
Die Umrechnungskurse der teilnehmenden Währungen werden in Brüssel unwiderruflich festgelegt. Damit ist die einheitliche Währung geschaffen. Am 1. Januar 1999 tritt der EUR in 11 Ländern (Belgien, Deutschland, Spanien, Frankreich, Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Portugal, Finnland) in Kraft. Am 1. 1. 2001 tritt noch Griechenland hinzu.
Drei Staaten der EU stehen abseits: Großbritannien, Dänemark, Schweden.
Das Bargeld kommt am 1. Januar 2002 hinzu.

 

Quelle:   MacroAnalyst
 

Somit sind ein für allemal Wechselkursschwankungen und damit Abwertungsstrategien einzelner europäischer Länder ausgeschlossen. 

Die Wirtschafts- und Währungsunion stößt gerade deswegen auf schweres politisches Abwehrfeuer:
Wer den täglichen Kampf etwa von New York Times und Washington Post vor 1999 gegen dieses neue Währungssystem erlebt hat, bekam unmittelbar vor Augen geführt, um welche tektonische Verschiebung im Weltmachtgefüge es bei diesem Schritt geht.

Zwar weiß jeder Europäer aus der Geschichte der letzten 90 Jahre unmittelbar, dass der EURO nicht gegen den Dollar gerichtet ist. Es geht vielmehr um die erneute Einigung eines schon im Mittelalter zusammenhängenden Kontinents. Nichts desto weniger wird die WWU aus US-Perspektive allein als ein Konkurrenzprojekt zur globalen Alleinherrschaft der USA gesehen.

Es wäre auch ein Irrtum zu glauben, der Kampf gegen das europäische Währungssystem sei spätestens mit der Einführung der EURO-Noten und Münzen am 1. Januar 2002 wegen Aussichtslosigkeit abgeschlossen.
MacroAnalyst wird auf diesen Konkurrenzkampf noch zurück kommen.

Weiter mit Wachstumsfaktor-2:   Inflation begünstigt Finanzsektor