Ausgangspunkt:   Das Wachstum des Weltvermögens

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Die wohl folgenreichste makroökonomische Entwicklung im abgelaufenen Jahrhundert ist die Herausbildung eines neuen globalen Machtzentrums: Advanced Financial Capital - der Finanzsektor.

Er beeinflusst das Alltagsleben von Milliarden von Menschen und die ökonomische wie politische Positionen der Nationen.
Er ist wichtiger Ausgangspunkt, um den entschiedenen Druck erklären zu können, den Politiker zur Rechtfertigung ihrer alltäglichen Entscheidungen heranziehen.

Ein erstes Beispiel zu dieser Machtentfaltung:
Die Standardformel des amerikanischen Finanzministers in der Clinton-Ära, Rubin, lautete: "The policy of a strong Dollar is in the interest of the United States". Angesichts der strukturellen, zu dieser Zeit bereits 30 Jahre laufenden Handelsbilanzdefizite war dies für einen europäischen Makroökonomen eine Maxime, die die Dinge auf den Kopf zu stellen schien (ausführlich analysiert im Themenblock 2 auf dieser Web-Seite - US vs. EU). Einen rationalen Hintergrund für diese Position lässt sich jedoch dann finden, wenn man zwischen den Interessen der operativen (realen) und der Finanzwirtschaft unterscheidet. Das wird in diesem Themenblock versucht.

Wie dieses neue Machtzentrum im Verhältnis zur operativen Wirtschaft gewachsen ist, darum geht es im folgenden.

Um das Ergebnis von realen und monetären Abläufen skizzieren zu können, kann man sich dieser Aufgabe von zwei Seiten her nähern:
(der im Folgenden gemachte Unterschied zwischen Strom- und Bestandsrechnung mag reichlich technisch und formal klingen, ist aber für unseren Untersuchungsgegenstand von großer Bedeutung)

Erstens kann man die wirtschaftlichen Transaktionen während eines Zeitraumes untersuchen, man misst etwa den Strom von Konsum- und von Investitionsvorgängen, sowie von Finanztransaktionen während eines Jahres. Dieses sind Stromgrößen, die demzufolge in einer Stromrechnung erfasst werden. Der breite Strom von Vorgängen in den Finanzsektoren ist über die Jahrzehnte hinweg in einer Fülle von Publikationen bestens dokumentiert worden. Dabei sind als finanztypische Charakteristika herausgearbeitet worden: Schnelligkeit, Massenhaftigkeit, ausgeprägte Volatilität, Profitabilität, Globalität und - eine hohe Krisenanfälligkeit.

Besonders die großen Finanzkrisen der letzten Jahrzehnte sind noch präsent: Diese betrafen durchaus auch die hoch entwickelten Länder (z. B. der Zusammenbruch eines empfindlichen Teils der US-Bausparkassen (Saving and Loan) in den 80er Jahren, vor allem auch der spektakuläre Fall LTCM (Long Term Capital Management), der 1998 das ganze Finanzsystem einzureißen drohte und nur durch massive Einwirkung der Federal Reserve Bank vor dem Bankrott zu retten war. Vor allem aber traten diese Krisen in den sich entwickelnden Ländern auf: Die tief greifenden Krisen in Mexiko, Argentinien, Asien, Rußland hinterließen gravierende Spuren - tief bis ins Bürgertum hinein.

Zweitens kann man an diese Aufgabe von der Vermögensseite her herangehen: Zu diesem Zweck stellt man die Vermögenspositionen von Personen, von Gruppen, von Sektoren auf. Man untersucht dann für verschiedene Zeitpunkte, wie sich diese Positionen entwickelt haben. Dieses sind Bestandsrechnungen, sie messen wirtschaftliche Größen an einem Stichtag. Sie fassen die Ströme am Ende der Periode zusammen (Bilanz).

Auf dieser Seite wird die Frage nach der Veränderung des Gewichts des Finanzsektors im Verhältnis zum operativen Wirtschaftsektor und zum Rest der Gesellschaft (Staat und Konsumenten) gestellt. Die größte Klarheit liefert die Komprimierung der jahrelangen Veränderungen dieser Sektoren durch einen Vergleich zweier lang auseinander liegender Bestandsrechnungen. Auf diese Art ist der Trend am besten zu erkennen.

I.    Ausgangspunkt: Wachstums des Weltvermögens

Auf Vermögenskonten werden die Vermögenspositionen von Wirtschaftseinheiten zusammengestellt. Geläufig sind insbesondere die Bilanzen von Unternehmen und Banken. (Auch für den Staat werden solche Vermögensbilanzen zu berechnen versucht; selbstverständlich kann auch für jeden privaten Haushalt eine Bilanz aufgestellt werden).

Konsolidiert man sämtliche Vermögenskonten einer Volkswirtschaft zu einem einzigen Konto, so erhält man das Volksvermögen.
Bei diesem Konsolidierungsvorgang tritt eine für unser Thema gravierende Veränderung der Positionen auf.

In jeder einzelnen Bilanz werden Forderungen gegen andere Institutionen auf der Aktivseite ausgewiesen, Verbindlichkeiten hingegen stehen auf der Passivseite.

Für eine geschlossene Volkswirtschaft gilt nun: Jeder Forderung steht an irgendeinem anderen Ort der Volkswirtschaft eine Verbindlichkeit in exakt der gleichen Höhe gegenüber. Fasst man alle Einzelbilanzen zu einer Gesamtbilanz zusammen, lassen sich alle Forderungen und Verbindlichkeiten gegeneinander verrechnen und zu Null saldieren.

Im zusammengefassten Volksvermögenskonto bleiben dann also auf der Aktivseite nur die Realvermögen übrig. Dies sind beispielsweise Grundstücke, Fabrikgebäude mit Werkzeugen und Maschinen, Bankgebäude mit Büroeinrichtungen und Computerausstattungen, öffentliche Straßen, Bauwerke und Flughäfen, sowie die in privaten Haushalten genutzten Sachvermögen.

Auf der Passivseite wird hier nur noch das Nettovermögen dieser Volkswirtschaft ausgewiesen, da alle Schulden zu Null saldiert worden sind.

In einer offenen Volkswirtschaft, in der der gesamte Wirtschaftsaustausch mit  ausländischen Volkswirtschaften einbezogen wird, ändert sich diese Vermögensbilanz in einer Beziehung.
Auf der Aktivseite bleiben alle Forderungen gegenüber Wirtschaftsubjekten in anderen Ländern erhalten. Ebenso ist es mit den Verbindlichkeiten gegenüber Ausländern auf der Passivseite. Sie ergeben keinen Saldo von Null.

Übersteigen die Forderungen gegen das Ausland die Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland, so liegt eine positive Netto-Auslandsvermögensposition (net international investment position) vor (kurz: positive Auslandposition). Sind die Verbindlichkeiten hingegen höher, handelt es ich um eine negative Auslandsposition.

Eine Volkswirtschaft mit positiver Auslandsposition würde dann den folgenden Vermögensstatus ausweisen (Beispielsrechnung mit fiktiven Zahlen):

Konto 1:  
Nationales Vermögenskonto einer Volkswirtschaft
mit positiver Auslandsposition
 

Fasst man nun allerdings die Vermögenskonten aller Volkswirtschaften zu einem globalen Vermögenskonto zusammen, so zeigt sich das gleiche Phänomen, wie es sich schon bei der nationalen Konsolidierung gezeigt hatte.

Allen Netto-Gläubiger-Positionen in verschiedenen Volkswirtschaften stehen in anderen Ländern Netto-Schuldner-Positionen in exakt der gleichen Höhe gegenüber.
Auf Weltebene, und damit ist der höchste Konsolidierungsgrad erreicht, sind deswegen die Nettovermögen gleich den Realvermögen. Das Konto hat dann folgende Gestalt:

Konto 2:  
Weltvermögenskonto im Ausgangszeitpunkt
 

Exkurs: Sonderrolle Geld?  
Geld wird prinzipiell als eine Forderung angesehen. Jeder Besitzer von Bargeld verfügt über eine Forderung gegen die Zentralbank, in deren Bilanz demzufolge die ausgegebenen  Bargeldbestände als Verbindlichkeit auf der Passivseite ausgewiesen werden. Auch Bargeldbestände saldieren sich daher in der konsolidierten Volksvermögensbilanz zu Null.

An diesem Punkt stellt sich die Frage nach den Faktoren, die dieses Konto über die Zeit hinweg verändern. Wie wächst das Vermögen?

Zwei Faktoren sind auszumachen:
bulletDies ist zum einen das operative Wachstum des Realvermögens, d. h. also das reale Wachstum des Nettovermögens (Fabrik 1 wird um Fabrik 2 erweitert).
bulletDies ist zum anderen das monetäre Wachstum des Realvermögens, d. h. ein unverändertes Realvermögen wird im Zeitpunkt 2 höher bewertet (z. B. steigen die Kurse von Aktien).

Wenden wir uns zunächst dem operativen Wachstum zu.

1.   Das operative Wachstum des Weltvermögens

Das operative Wachstum der Weltwirtschaft stand über Jahrzehnte hinweg im Zentrum der Wirtschaftsanalyse. Es war der Normalfall des Wachstums.

Im Produktionsprozess wird demzufolge durch Kombination der beiden wichtigsten Produktionsfaktoren -  Arbeit und Kapital - die Wertschöpfung hervorgebracht.
Diese Wertschöpfung fließt als Einkommensstrom an die Haushalte, die diesen nicht vollständig konsumieren, sondern zum Teil sparen.
Der Teil des Volkseinkommens, der nicht konsumiert, sondern gespart wird, entspricht der Nettoinvestition (z. B. der Kauf und die Hinzufügung einer weiteren Werkzeugmaschine zum bestehenden Maschinenpark).
Die Nettoinvestition wiederum misst die Vergrößerung des Produktionsapparates. Sie also ist es, die zur Vergrößerung des Realvermögens zwischen Zeitpunkt 1 und 2 führt. 

Entscheidende Voraussetzung für einen erfolgreichen Produktionsprozess ist eine Qualität von Arbeit, die Produkte hervorbringt, die sich gegen harte Konkurrenz an den Märkten absetzen lässt. Vor allem im Export stößt diese Arbeit auf Konkurrenz aus der ganzen Welt. Voraussetzung für die Produktion einer solchen Qualität von Arbeit sind Bildungs-, Lern- und Forschungsprozesse, die ein höheres Niveau von Arbeitsqualität hervorbringen, als sie dem konkurrierenden Wettbewerb zur Verfügung stehen. 

Nettoinvestitionen in Sachvermögen gründen sich also ganz wesentlich auf vorausgegangene Investitionen in Humankapital.

Wichtigstes Merkmal dieses Wachstumsmusters: Hierbei geht es um Prozesse mit außerordentlich langen Ausreifungszeiten. Die Anstrengung ist groß, die Ausbringung im Vergleich dazu eher bescheiden. Die Wachstumsraten halten sich in Grenzen. 

Konto 3 zeigt nun die Veränderung des Weltvermögenskontos über einen längeren Zeitraum hinweg (unterstellen wir, es handele sich etwa um ein Vierteljahrhundert). Konto 3 (das Konto von 2003 mit fiktiven Zahlen) wird also direkt zum Ausgangsvermögen in Konto 2 (das fiktive Konto von 1980) in Beziehung gesetzt. Konto 3 verzeichnet also in der Position "operativer Zuwachs" die Summe aller Nettoinvestitionen jedes Jahres seit 1980. Mit anderen Worten: Monetäre Vorgänge fürs erste beiseite gelassen, steigt das Weltvermögenskonto um die real hinzugefügten Vermögenszuwächse. In diesem fiktiven Beispiel steigt das Nettovermögen von 110 auf 200 Währungseinheiten.

Konto 3:
Heutige Position
(ohne Berücksichtigung von monetärem Wachstum):

Wegen des Bezugs zu unserem Thema sei nochmals betont, dass zu den Nettoinvestitionen auch die Nettoinvestitionen (nicht Investments) des Finanzsektors rechnen. Investitionen also, die im Finanzsektor zur Erhöhung des Sachvermögens (z.B. neues Bankgebäude, neues Netz von Servern) führen, sind Bestandteil des im Konto 3  ausgewiesenen operativen Zuwachses. Für den Finanzsektor sind diese Positionen nun allerdings von untergeordneter Bedeutung, die für die Erörterung seiner strategische Bedeutung vernachlässigt werden können.

Die Realvermögen sind allerdings in einer ganz anderen Beziehung auch für den Finanzsektor von großer Bedeutung. Sie sind die stoffliche Basis aller Geldvermögen. Sie sind die Substanz, aus der alles Monetäre letztlich seine Bedeutung ableitet. Schmerzlich deutlich wurde dies beispielsweise bei der Währungsreform von 1948: Einem großen Geldvermögen stand eine zerstörte reale Vermögenssubstanz gegenüber, es musste deshalb 10 : 1 zusammengestrichen werden.

2.   Das monetäre Wachstum des Weltvermögens

Die Dimension "operativer Zuwachs" ist also von Bedeutung, um die reale Substanz des Vermögenswachstums erkennen zu können.

Ein rein reales Wachstum des Vermögens ist aber insofern eine mehr gedankliche Konstruktion, als es nur im Fall einer langfristigen Preissteigerungsrate von Null auftreten würde. Es ist also zwar Ausgangpunkt der Analyse des Vermögenswachstums, erklärt aber noch nicht ausreichend, wie wir vom Zeitpunkt  t1 nach t2 kommen.

Offensichtlich spielen politische Macht und Geld eine entscheidende Rolle für die langfristige Veränderung der Wirtschaftstrukturen.

Das monetäre Wachstum zu durchleuchten, erfordert daher eine dreifache Analyse:

Wachstumsfaktor-1 beantwortet die makroökonomische Frage,  welches ordnungspolitische Muster für die Entfaltung des Finanzsektors gesetzt wird?

Wachstumsfaktor-2 beantwortet die makroökonomische Frage, welche Rolle der Inflation beim monetären Wachstum zukommt.

Wachstumsfaktor-3 beantwortet die mikroökonomische Frage, welche Wachstumsimpulsen vom Finanzsektor selbst ausgehen.

Im Teil "Die Folgen"  wird eine weitere makroökonomische Frage beantwortet, in welchen Typ von Inflation nämlich die ersten drei Wachstumsfaktoren einmünden.

Das Ergebnis schließlich fasst die weltpolitische Bedeutung dieser Analysen zusammen:
Investment Banking und die Finanzwelt - eine neue Weltmacht.

 

Weiter mit Wachstumsfaktor-1:    Die Neuordnung der Finanzmärkte